Dispositionsschwankungen bei Kindern.
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zu beobachten und sie während der Dauer dieser Zustände entsprechend zu be
handeln. Oftmals haben sonst normale Kinder eine Schwächung des Organismus
von einer Krankheit oder einem Fall auf den Kopf zurückbehalten, die
sich nur durch Dispositionsschwankungen bemerkbar macht; oftmals verraten sich
versteckte Krankheiten lange Zeit vor dem Ausbruch durch erst fast unmerkliche,
später stärker werdende Schwankungen im Disponiertsein für die Arbeit in der
Schule. Es ist zu berücksichtigen, daß der Lehrer der Normalen eine durch
schnittliche Leistungsfähigkeit der Kinder verlangt, die der Normalität durchaus
entspricht, daß er andrerseits aber fortgesetzt das Ziel des Unterrichts erstreben
muß, da man von seiner Tätigkeit Erfolge fordert; es ist daher auch zu ver
stehen, aber durch nichts zu rechtfertigen, wenn im Eifer der Schularbeit die
Dispositionsschwankungen eines einzelnen normalen Kindes übersehen oder falsch
beurteilt werden. Mit welcher Borsicht man auch in einer Normalklasse die
Dispositionsschwankungen bei einem einzelnen Kinde behandeln muß, möge
folgender Fall beweisen:
Ein 12sähriger, gut gearteter Knabe fiel mir in den beiden Fach
stunden , die ich wöchentlich in der III. Volksschulklasse einer Berliner
Gemeindeschule zu geben hatte, durch seine Teilnahmlosigkeit auf. Das
Kind sah mich fortgesetzt mit großen Augen an, wußte aber niemals etwas
über die behandelten Gegenstände anzugeben. In einigen Stunden schlief
der Knabe während des Unterrichts ein. Durch den Klastenlehrer erfuhr
ich, daß der Schüler auch in anderen Stunden diese Teilnahmlosigkeit zeigte;
im Ellernhause aber war nichts Besonderes beobachtet worden, als daß er am
Tage stundenlang zu schlafen vermochte. Da es sich um eine Normalklasse,
also um einen normalen Schüler handelte, beabsichtigte ich, den Knaben
durch alle zur Verfügung stehenden Mittel aus seinem energielosen Zustande
aufzurütteln — eine gewiß zu rechtfertigende Absicht, da der Lehrer in
den Augen der übrigen Schüler parreiisch oder schwach erscheinen mußte,
wenn er sich noch länger die Interesselosigkeit des Knaben bieten ließ.
In den letzten Wochen vor den großen Ferien (1902) versuchte ich, den
Knaben durch Fragen, die indirekt an ihn gerichtet waren, ihn also in
seiner Überlegung und in seinem Gefühl nicht fixierten, zur Teilnahme am
Unterricht heranzuziehen, suchte ihn, als dies nicht gelang, durch praktische
Betätigung (es handelte sich um Naturkunde) zur Mitarbeit zu bewegen
und redete ihm endlich, als auch dies Mittel ohne Erfolg blieb, direkt gut
zu, um ihn nur zum Sprechen über seinen Zustand zu bringen. Es wäre
zu verstehen gewesen, wenn ein etwas ungeduldiger Lehrer nun zu einer
energischen Aufforderung geschritten wäre; allein, ehe ich dazu kommen
konnte, fing der Knabe an zu weinen, so daß ich ihn sich selber überließ.
Gegen Schluß der Stunde konnte sich das Kind wieder des Schlafes nicht
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