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I. Abteilung. Abhandlungen.
erwehren. Ich gab es in den Stunden vor den Ferien auf. den Knaben
zur Mitarbeit zu zwingen, hoffend, daß die Ferienerholung eine körperliche
und geistige Kräftigung des Kindes herbeiführen werde.
Das Rätsel wurde für mich nach Ablauf der Ferien gelöst. Alsdann
erfuhr ich, daß der Knabe am dritten Ferientage an einer rasch verlaufenden
Gehirnentzündung gestorben war.
Wenn man sich im Gegensatz zu der körperlichen und geistigen Konstitution
des normalen Kindes die des schwachsinnigen vergegenwärtigt und daran
erinnert, daß die Widerstandskraft der schwachsinnigen Kinder durch eine Störung
des Zentralnervensystems in jeder Beziehung herabgesetzt ist, daß diese Kinder
sämtlich nervös, leicktberührbar, reizbar schwach sind, so wird man ermessen, wie
tief und nachhaltig die Ursachen auf schwachsinnige Kinder wirken müssen, die schon
bei den Normalen nachteilige Folgen haben, und daß viele Ursachen auf schwach
sinnige Kinder ungünstig wirken werden, die normale Kinder nicht anzufechten
vermögen?)
Zur Einführung des Lesers in das Wesen der Dispositionsschwankungen bei
schwachsinnigen Kindern und in die Bedeutung derselben für Unterricht und Er
ziehung möge das nachfolgende Beispiel dienen.
I. ist ein 13*/2 Jahre altes Mädchen?) Die Menstruation ist noch nicht
eingetreten, kündigt sich aber durch Dispositionsschwankungen an.
Ist I. günstig disponiert, so zeigen ihr Aussehen, ihr Verhalten und
Benehmen, ihre Sprache, ihre Schrift, ihr mathematisches Denken und ihre
übrigen Denkprozesse in der Regel nichts Auffälliges. Die Leistungen sind selbst
redend, den schwachen Anlagen entsprechend, gering an Inhalt und Umfang, aber
I. setzt Ehrgeiz in gute Leistungen, ist eifrig und versucht fortgesetzt, ihre
Sprache, ihre Schrift, ihr Denken, ihr ganzes Verhalten zu disziplinieren.
Sie erzählt eine vom Lehrer nur einmal vorgetragene kleine Erzählung dem
Sinne nach und in verhältnismäßig gutem Satzbau unmittelbar danach wieder,
beurteilt, wenn auch nicht immer logisch richtig, die Willensverhältnisse in der
1) Dr. Cassel fand bei einer „Untersuchung schwachsinniger Schulkinder im IX.
Berliner Schulkreise" nur 9°^ körperlich gesunde und hereditär in keiner Weise belastete
Kinder. (Berlin, Coblentz 1901, S. 45.) — Nach Rich ter s VIII. Bericht über die
Hilfsschule für Schwachbefähigte in Leipzig 1902/3 (Leipzig, Hesse und Becker 1903.
S. 6—13) waren 91,9% des Schülerbestandes mit Gebrechen behaftet; die Mehrzahl
hiervon war zwei- bis sechs- und mehrfach belastet. — Ärztliche Untersuchungen in
Hilfsschuleinrichtungen anderer Orte gelangten zu gleichen oder ähnlichen Resultaten
2) Eine genaue Charakteristik dieses Kindes findet der Leser in meinem Buche:
„Schwachsinnige Kinder, ihre sittliche und intellektuelle Rettung." Gütersloh 1899,
Bertelsmann. S. 37—41. Die Fortschritte des Kindes, die seit 1899 erreicht werden
konnten, entnehme der Leser der obigen Darstellung. I. ist etwas ruhiger geworden,
sonst ist das Bild unverändert.

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