Dispositionsschwankungen bei Kindern.
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Erzählung, liest die deutsche und lateinische Druckschrift nahezu fließend und
leichte Lesestücke mit Verständnis, schreibt eine gute Handschrift, schreibt richtig
ab und beherrscht im Diktat die Schreibweise der in ihrer Umgebung meist ge
brauchten Wörter; sie findet sich endlich im Rahmen ihres mathematischen Denk
vermögens (abstraktes Rechnen 1 — 20, konkretes 1—100, gegenwärtig Ein
führung in die abstrakte Addition und Subtraktion des Zahlraumes 1—100)
leidlich zurecht. I. neigt zur Hast, ist verlegen freundlich, wenn ihr Eifer an
erkannt wird, und mutwillig lustig, sogar ausgelassen, wenn ihr ein komischer
Gedanke zufällig in den Sinn kommt oder wenn sie glaubt, sich gehen lassen zu
dürfen; aber stets bewirkt des Lehrers Blick oder Wort eine Selbstzucht des Kindes,
so daß Ungehörigkeiten nicht anhaltend den Unterricht oder die Erziehung
stören. — Das Resultat einer Unterrichtsstunde bei günstiger Dis
position des Kindes ist ein zwar geringer, doch bemerkbarer
Fortschritt in der geistigen Entwicklung: der Vervollständigung
der Vorstellungswelt, der Vertiefung des sittlichen oder
ästhetischen Gefühls, der Vervollkommnung einer technischen
Fertigkeit oder anderer geistiger Fähigkeiten.
An einem Sonnabend erscheint dieses Bild der I. völlig verändert.
Ihr Aussehen wechselt; sie wird blaß und starrt vor sich hin, legt den Kopf
auf den Tisch und erklärt auf Befragen, Kopfschmerz zu haben. Bald darauf
beginnt sie während des Unterrichts, aufgeregt auf ihre Nachbarin einzureden,
und bittet dann den Lehrer, austreten zu dürfen. Ihr Wunsch, die Nachbarin
möchte sie begleiten, wird nicht erfüllt. Sie geht, kehrt jedoch sofort und un
verrichteter Dinge wieder zurück, lacht und sucht durch Grimassen und leise Zu
rufe die Aufmerksamkeit der übrigen Kinder auf sich zu lenken. Da sich augen
blicklich unter ihren Mitschülern keiner findet, der mit ihr harmoniert, versinkt
sie, als ihr das Gebaren ernstlich verboten wird, wieder in den grübelnden,
träumerischen Zustand, aus welchem sie aber durch eine geringfügige Veranlassung
in den Zustand eines fortgesetzt schwankenden und aufgeregten Wollens versetzt
wird. — I. wird aufgefordert, eine behandelte Geschichte zu erzählen; sie trägt
hastig vor, erschlafft jedoch schon nach dem ersten Satz. Ihre Sprache verwischt
sich, wird leise und indiszipliniert; bei einer Häufung von ähnlich klingenden
Wörtern findet sich I. nicht mehr aus und kommt nicht zur korrekten Aussprache
eines Satzes, der sonst ihrer Sprache keine Schwierigkeiten bereitet. So ist das
Resultat nach einer Rekhe von verunglückten Versuchen mit dem Satz: „da hörten
sie hinter sich:" „da hörten sich hinter sich." Während sich I. bei günstiger
Disposition nach einigem Nachsinnen und Probieren der starken Jmperfektform
vieler Verben erinnert, gibt sie sich jetzt nicht die geringste Mühe, die sonderbar
klingenden schwachformigen Gebilde, z. B. tute, sehte, gehte u. a. zu verbessern.
Der Vortrag der Erzählung mißlingt, da sich die Gedanken verwirren. I. läßt

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