118
I. Abteilung. Abhandlungen.
wichtige Reihen aus und führt einzelne Reihen fort mit solchen, die ihr im
Zusammenhang der zu erzählenden Geschichte niemals gesagt worden sind. Die
Geschichte: Jesus in Gethsemane erzählt sie in folgender Weise: „Der Herr
Jesus ging in den Garten Gethsemane. Sie machten die Tür zu . . . Da
hörten sie hinter sich den Judas. Und die Knechte kamen mit eisernen Stangen
und schlagten den Herrn Jesus auf den Kopf — schlugen ihn in die Beine —
schlugen ihn tot." An den ablehnenden Bewegungen des Lehrers merkte sie,
daß sie etwas Falsches erzählte, und suchte sich nun zu verbessern. Dabei war
sie anfänglich bei jeder Korrektur verlegen, fast ängstlich; plötzlich schlug jedoch
die Stimmung in eine nervöse Lustigkeit an den ausgesprochenen Verkehrtheiten
um. Die entsprechende Zurechtweisung nach diesen Vorgängen war ohne nach
haltigen Eindruck und weckte nur den Widerspruch. Im Zeichnen schweift I.
ab, zeichnet nicht das, was ihr gesagt worden ist, sondern Dinge, die ihr gerade
in den Sinn kommen, dazu in unordentlicher Form. — Bei Beginn der
zweiten Unterrichtsstunde, dem eine längere Pause vorausging, ist I. noch immer
bleich, aber sie klagt nicht mehr über Kopfschmerz. Sie neigt von jetzt ab
mehr zur scherzhaften Auffassung des Unterrichts, indem sie z. B. an der Rechen
maschine absichtlich falsch abzählt, um mit dem Lehrer einen Scherz zu treiben
oder sich von den Kameraden korrigieren zu lasten. In der zweiten Hälfte
dieser Stunde hat sie eine schriftliche Rechenarbeit zu fertigen, während die
andere Abteilung direkt unterrichtet wird. Bei dieser Selbstbeschäftigung kommt
sie allmählich zur Ruhe und löst die Aufgaben ohne Fehler.
Am darauffolgenden Montag ist das Kind dauernd bleich. Die Augen
liegen tief, das Gesicht sieht verstört aus, das Haar ist unordentlich, und die
Sauberkeit läßt nicht die sonstige Sorgfalt erkennen. I. leidet an Hals- und
Nasenkatarrh; die Stimme ist heiser. Das Benehmen ist nur noch träumerisch
und apathisch; die nervöse Hast ist nicht mehr zu beobachten. Wie geistes
abwesend, mit dem Ausdruck der Verzweiflung oder dem der völligen Er
schlaffung — wobei der Unterkiefer müde herabhängt und der Mund geöffnet
bleibt — starrt das Kind den Lehrer an. Unausgesetzt ist I. dem Weinen
nahe; ganz geringfügige Umstände bewirken alsdann einen Ausbruch. Als sie
plötzlich zu weinen beginnt und um die Ursache befragt wird, sagt sie: „ihr Heft
sei ausgeschrieben." Da I. in ihrer Klasse niemals eine strenge Zucht kennen
gelernt hat und ihr die Schulhefte in der Regel vom Lehrer geschenkt werden,
mußte diese hochgradige Wirkung einen anderen als den angegebenen Grund zur
Ursache haben. Nachdem ihr freundlich zugeredet worden ist und sie sich etwas
beruhigt hat, beobachtet sie, daß es regnet, und beginnt nun wieder bitterlich zu
weinen. „Sie habe Filzschuhe an und bekomme nun nasse Füße," erklärt sie
auf Befragen. Die von dem Kinde angeführten Gründe sind Veranlassungen,
Daß eine tiefer liegende Ursache in Wirkung tritt. Das Kind fühlt den Druck

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.