Dispositionsschwankungen bei Kindern.
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der körperlichen Indisposition auf sein Seelenleben und beginnt alles Mögliche,
um den Druck los zu werden. Wie es sich in den Zuständen, die ihm noch
eine erhebliche Energie belassen, zu nervöser Hast und Lustigkeit aufrafft und
dadurch manchmal über Tiefpunkte des Gesamtbefindens hinwegkommt, allerdings
ebenso oft dieselben auch erst recht vertieft, so sucht es sich im Zustand der
totalen Schlaffheit durch ein Ausweinen von dem auf ihm lastenden Druck zu
befreien, sich durch das Weinen zu beruhigen. Daß dieses Weinen nur ein
solch flüchtig, in der Aufregung ergriffenes Mittel ist und an sich keinen anderen,
lieferen Gründen entspringt, geht daraus hervor, daß sehr billige Trostgründe
und wenige freundliche Worte das Kind für den Augenblick zu beruhigen ver
mögen. — Bei dem Erzählen und Lesen wird die Sprache so nachlässig undschlaff,
daß sogar eine kindliche Aussprache einzelner Wörter unterläuft. I. sagt „gesiegt"
für gestellt, „Dorten" für Garten, „kenndest" für könntest, siechst für flögst,
ferner: Wolef für Wolf, fünef für fünf rc., und hört die Unregelmäßigkeiten
offenbar nicht, da sie nicht den geringsten Ansatz macht, sich zu verbessern. Die
Verwirrungen, die durch Anklingen auszusprechender Wörter an andere entstehen,
häufen sich, ebenso die selbstgebildeten schwachen Verbformen. Die Aussprache
eines einfachen Wortes bereitet ihr plötzlich Schwierigkeit. — Das Erzählen
eines bekannten Stoffes rückt ohne fortgesetzte Einhilfe nicht von der Stelle.
Das Kind besitzt selbst nicht mehr die Energie, in eine falsche Reihe zu ge
raten. Aufmunterungen und freundliches Zureden bewirken nur für einen
Augenblick ein Zusammennehmen, alsdann versinkt das Kind in seine Schlaffheit
zurück. Im Verlauf des Unterrichts erreicht es den Tiefpunkt, daß es auf einen
Scherz des Lehrers und der Mitschüler kaum noch mit einem gezwungenen
Lächeln antwortet und die Unterrichtspausen keine verändernde Wirkung auf sein
Gemüt auszuüben vermögen. (Während einer anderen Dispositionsschwankung fing
es an zu weinen, als die Nachbarin versuchte, es durch einen harmlosen Scherz auf
zuheitern.) — Die Schrift verrät den Zustand des Kindes sofort. Sie ist in der
Bildung der Formen nach Größe, Druck und Art nachlässiger als sonst. I.
schreibt zitterig, unsicher, sie verschreibt sich oft, kommt über kleine Versehen nicht
hinweg, indem sie sie ratlos anstarrt und zuletzt darüber zu weinen anfängt. Sie
hört nicht, was diktiert wird. Nachdem ein kleiner Satz des öfteren vorgesprochen
worden ist, fragt sie während der Niederschrift wiederholt, was sie schreiben solle,
„da sie den Satz vergessen habe." Es wird diktiert: „Ich habe einen Vater und
eine Mutter," und hinzugefügt: groß anfangen! I. fängt unmittelbar darauf klein
an. Als sie von dem sie beobachtenden Lehrer auf den Fehler aufmerksam ge
macht wird, schreibt sie das ihr sonst ganz geläufige Wort in der Forin: Jich.
Überhaupt ist ihr die Schreibweise vieler bekannter Wörter plötzlich fremd; sie
vergißt entweder die Einfügung einzelner Laute oder verwechselt sie oder ver
wechselt endlich die Stellung derselben (Motag, Donstag, Friertat, Eher statt

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