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I. Abteilung. Abhandlungen.
Ehre rc.). Bezeichnend für die Schlaffheit ihres Willens ist ferner ihr Suchen
nach der richtigen Schreibweise des Wortes „einen". An der Wandtafel kam sie
allmählich zu folgenden Gebilden: eien, einne, eilen, einenn, und endlich „einen". —
Im Rechnen ist I. wie verstört. An der russischen Rechenmaschine sieht
sie 72 für 82 an und kann, da sie wohl richtig abzählt, aber das gesprochene
Wort nicht durch die Anschauung kontrolliert, nicht zu dem richtigen Resultat
kommen. Im abstrakten Rechnen hört sie, mit sich selbst zu viel beschäftigt, die
Aufgabe nicht und vermag dieselbe ohne wiederholtes Borsagen nicht vollständig
nachzusprechen. Sie ist unfähig, Resultat und Weg für die leichteste Aufgabe,
z. B. 19 -f- 2, die sie bei günstiger Disposition ohne pleiteres mit Verständnis
löst, selbständig anzugeben. Ganz verängstigt starrt sie bei der genannten Auf
gabe den Lehrer an, und als ihr die Lösung der Aufgabe erklärt wird, kann
sie bei dem Aussprechen des Resultates den 2. vom 3. und 8. Zehner dem
Gedanken und der Aussprache nach nicht mehr auseinanderhalten. (Als Resultate
gibt sie an 31, 23, 28, 81; man beobachte hierbei die Klang- und Zahl
verwandtschaft.) Der Versuch, das Kind zum völligen Verständnis der Aufgabe
zu führen, muß aufgegeben werden, da es die Tränen nicht mehr zurück
halten kann.
Der Zustand, in dem sich I. seit dem letzten Schultage befand, hat sich
wesentlich verschlimmert. Während die Disposition am Sonnabend noch Energie
verriet, durch welche gegen den Schluß des Unterrichts seitens des Kindes
wenigstens in einem Fache eine Leistung erreicht wurde, wird das Kind heute
von einem Zustand völliger Energielosigkeit beherrscht. Der Wille erscheint so
stark herabgedrückt, daß Perzeptionen und Reproduktionen in demselben Augenblick
nicht mehr getrennt fixiert werden können. Das Kind leistet heute an Repro
duktion nichts Merkliches und lehnt ab, zu perzipieren und zu apperzipieren.
Ein bemerkbarer Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist in keinem Fache zu
beobachten. Die Disposition ist eine ungünstige.
Am Dienstag fehlt das Kind. Es ist erkrankt.
Fragt man nun nach der Ursache dieser geschilderten Veränderungen, so
ist zuerst festzustellen, daß die schwachsinnige I. dauernd unter dem Einflüsse
einer reizbaren Schwäche steht, daß diese Schwäche aber am Sonnabend durch
eine Erkältung, die sich das Kind durch feuchtes Schuhzeug zugezogen hatte,
erhöht wurde. Trotzdem das Kind am Sonntag über Kopfsckmerz geklagt hatte,
war es doch nicht gepflegt, im Gegenteil zu einem verkehrten Genuß ver
anlaßt worden. Es hatte mit dem Vater eine Brauerei besucht und daselbst
Bier trinken dürfen, bis der Widerwille dem Genuß ein Ziel setzte. Der
Sonntag war somit kein Tag der Erholung für I. gewesen. Die Über
anstrengung an diesem Tage bewirkte am Montag die ungünstige Disposition,
die der Vorläufer der am Dienstag ausbrechenden Krankheit war.

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