Dispositionsschwankungen bei Kindern.
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Da bei I. ähnliche Veränderungen sehr oft zu beobachten sind, so beweist
dieses Beispiel, daß dieses schwachsinnige Kind schweren Schwankungen der Dis
position unterworfen ist und diese Schwankungen von höchster Bedeutung für
seine geistige Entwicklung sein müssen. In der Tat ist diesen Schwankungen
die Hauptschuld an den ungleichmäßigen und geringen Fortschritten der I.
beizumessen.
Die Heilbehandlung der Dispositionsschwankung unsrer Großstadt-
kinder an Montagen und in Zeiten, die einen Montags-
charakter an sich tragen, kann sich die Beseitigung der Ursachen leider nicht
zum Hauptziel setzen. Von vornherein wird man es als aussichtslos bezeichnen
müssen, gewissen großstädtischen Unsitten, z. B. der Art der großstädtischen Sonntags
feier in vielen Familien, entgegenwirken zu können. Die unschuldigen Kinder
werden für die Torheit und den Leichtsinn ihrer Eltern zu büßen haben, und
die Schule wird sich mit dieser Resignation begnügen und auf den Montags
charakter bestimmter Tage und Zeiten Rücksicht nehmen müssen. Im günstigsten
Falle wird die Belehrung größerer Schüler über die Folgewirkungen der ver
kehrten Sonntagsfeier von einem Einzelerfolge gekrönt sein. Keineswegs soll
dem Unverstand der Eltern ein übermäßiges Entgegenkommen erwiesen werden;
aber die Erwägung ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Behandlung
abstrakter Stoffe, die Ausführung körperlich anstrengender, eintöniger und geistig
und körperlich erschlaffender, endlich geistig überanstrengender Arbeiten, die als
Probeleistungen gelten sollen, an Tagen mit offenbarem Tiefstand der Disposition
im Hinblick auf die nicht zu beseitigenden Ursachen pädagogischen Bedenken be
gegnen muß. Wer jahrelang unter großstädtischen und ähnlichen Schulverhältnissen
gearbeitet, hat sich pädagogisch-praktisch zu helfen gewußt, indem er auf die
„Montage" nicht die schwersten, nicht die Probearbeiten, nicht die Erledigung
abstrakter Stoffgebiete verlegte, indem er die Kräfte der Kinder besonders an
diesen Tagen nicht in den ersten Stunden verausgabte, sondern davon aufsparte
bis zur letzten Minute. Durch den Nachweis der pädagogischen Bedeutung der
Dispositionsschwankungen findet dieses praktische Verfahren seine Rechtfertigung;
und es ist nur zu fordern, daß es allgemein Nachahmung und auch Beachtung
bei Aufstellung der Lektionspläne finden möge.
Die übrigen Ursachen einer Dispositionsschwankung bei dem einzelnen
normalen Kinde wird ein gemeinsames Wirken von Elternhaus und Schule,
Schularzt und Lehrer aufheben oder abschwächen können; zum mindesten wird
eine Verständigung zwischen den beteiligten Erziehungsfaktoren zu erzielen sein,
die das Kind vor falscher Beurteilung schützt. Die Heilbehandlung dieser
Dispositionsschwankungen hat zu beachten, daß dem normalen Kinde — voraus
gesetzt, daß es nicht schwer erkrankte oder daß gewisse Anzeichen zu einem be
sonders vorsichtigen Verhalten nötigen — stets ein Grad von subjektiver Energie

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