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I. Abteilung. Abhandlungen.
verbleibt, der es ihm ermöglicht, sich zu beherrschen und seine Handlungen zu
disziplinieren; daß es ferner über eine normale logische Denkfähigkeit verfügt
und sich der Erkenntnis von einfachen Gründen und Schlußfolgerungen nicht
verschließen wird. Sie kann daher Anforderungen an die Energie des Kindes
stellen; sie läuft nicht Gefahr, durch den geforderten Zwang eine Vertiefung der
Schwankungen herbeizuführen; sie hat den Normalen gegenüber unter Umständen
sogar die Pflicht, die Energie aus das höchste Maß anzuspannen und nötigenfalls
mit allen pädagogischen Zuchtmitteln eine Aufrüttelung der Selbstzucht zu er
zwingen. Nichts wäre verkehrter, als auch gesunden Kindern gegenüber das
pädagogische Verhalten jeder geringen Stimmungsschwankung und Laune anzu
passen. Das gesunde Kind darf ohne triftigen Grund nicht unter Stimmungen
leiden; geschieht es dennoch, so leidet es unter dem Mangel an Selbstzucht, sich
zu konzentrieren und zu beherrschen. In solchen Fällen gibt die Stetigkeit der
pädagogischen Einwirkung dem sich gehenlassenden Kinde erst einen gewissen Halt.
Je älter und erfahrener die normalen Zöglinge werden, desto
schwerer lassen sich die Zustände der ungünstigen Disposition sofort und deutlich
erkennen; die Selbstzucht verdeckt sie. Es gehört daher zur erfolgreichen Be
handlung der Dispositionsschwankungen normaler Schüler und Schülerinnen in
höheren Schulen nicht nur ein pädagogisches, sondern auch ein feines gesellschaftliches
Taktgefühl und ein hervorragendes Geschick im Individualisieren und Unterrichten.
Auf eine Anspannung der subjektiven Energie darf nur mit größter Vorsicht
gedrungen werden, sobald es sich um nervöse und erkrankte Normale
handelt, denn hier rächt sich jedes geforderte Übermaß an Kraft mit einem Rück
schlag im Befinden.
Schwieriger gestaltet sich die Heilbehandlung der Dispositionsschwankungen bei
schwachsinnigen Kindern. Die Dispositionsschwankungen spielen aber in
der Entwicklung der schwachsinnigen Kinder oft eine so verhängnisvolle Rolle,
daß die Hilfsschulpädagogik kein Mittel unversucht lasten darf, um Dauer und
Wirkung der Schwankungen abzuschwächen oder aufzuheben.
Die Grundursache der häufigen Dispositionsschwankungen bei Schwach
sinnigen ist unveränderlich und nicht zu beseitigen. Die Heilbehandlung hat sich
daher auf die Folgen der Grundursache und auf die Veranlassungen, die jene
Grundursache in Wirkung sehen, zu beziehen. Die direkten Folgen des physisch
und psychisch geschwächten Organismus sind die Mängel in der logischen Denk
fähigkeit und die Leichtberührbarkeit. Erstere in denkbar weitgehendstem Maße
zu beseitigen, ist Aufgabe eines zielbewußten und planmäßig betriebenen Hilfs
schulunterrichts; der Leichtberührbarkeit zu steuern, ist Ziel der Erziehung und Pflege.
Die Leichtberührbarkeit des schwachsinnigen Kindes ist die Ursache, daß es
zum willenlosen Spielball zufälliger Einflüsse wird; sie ist zugleich aber auch der
Angelpunkt, in dem eine pädagogische Heilbehandlung einsetzen muß.

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