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I. Abteilung. Abhandlungen.
Dispositionsschwankungen von dem Kinde fern zu halten, von Erfolgen begleitet
sein. Eine Besprechung und Belehrung der Eltern wird oft genügen, daß das
Kind in Ruhe, ohne unnötige Aufregung und Verstimmung vom Elternhause
aus zur Schule geschickt wird, daß die Eltern sich befleißigen, das Kind nicht
mit unnötigen, kleinen Sorgen zu belasten, daß das Kind nicht ohne Not vor dem
Schulanfang in Affekt gerät, daß es in Ruhe und begleitet von einer freundlichen
Stimmung zur Schule geschickt wird.
Der Schwerpunkt der Therapie liegt selbstredend in der Behandlung
der Dispositionsschwankungen in der Schule, dort, wo zu jeder Zei^
Mittel bereit sein muffen, um einen Ausgleich der Schwankungen herbeizuführen
und in Unterricht und Erziehung Erfolge zu erreichen. Das psychologische
Urteil verbietet es, ein im Zustand ungünstiger Disposition befindliches schwach
sinniges Kind energisch zur Selbstzucht zwingen zu wollen, da durch den ge
forderten Zwang nur eine Verschlimmerung des Gesamtzustandes herbeigeführt
werden würde; das psychologische Urteil verbietet es ferner, die Handlungen des-
ungünstig disponierten, schwachsinnigen Kindes ebenso zu beurteilen, wie die eines
günstig disponierten, das sich im Gleichgewicht befindet. Es wäre eine päda
gogische Verkehrtheit schlimmster Art, ein ungünstig disponiertes, schwachsinniges
Kind in diesem Zustande für Unaufmerksamkeit, Unfähigkeit, Ungehörigkeiten
schwer zu strafen. Es muß zuvor zur Ruhe kommen, damit auch das un
beeinflußte sittliche und logische Urteil des Kindes mitzuwirken im stände ist..
Verkehrt wäre es freilich auch, von dem schwachsinnigen Kinde keine Anspannung
seiner Selbstzucht zu verlangen. Es muß dem pädagogischen Takt des Erziehers
überlassen bleiben, in jedem einzelnen Falle das der Natur und dem Zustande
des Kindes entsprechende Maß an Selbstzucht zu fordern, ohne damit die Höchst
belastungsgrenze der kindlichen Kraft zu überschreiten. In diesem Sinne ge
fordert, ist auch bei schwachsinnigen Kindern die Selbstzucht das beste Heilmittel.
Der Lehrer schwachsinniger Kinder muß sich bei der Behandlung dev
Dispositionsschwankungen vor allem die „Divinations"gabe zu eigen machen, das
Auftreten kommender Schwankungen zu „erraten", muß alle Mittel anwenden,
um den Ausbruch einer Dispositionsschwankung zu verhindern und vorhandene
ungünstige Dispositionen durch Ruhe und nicht nachlassende freundliche Auf
munterung abzuleiten und abzuschwächen. Die erzieherische Wirksamkeit in dev
Schule bietet dem Bemühen des Lehrers zu diesem Zwecke eine außerordentliche
Fülle an einfachen Mitteln. Ein freundliches Wort im rechten Augenblicke, ein?
etwas stark aufgetragenes Lob, ein heiteres Gespräch, das rechtzeitige Beenden
eines zu schwierigen Unterrichtsstoffes, das Betrachten eines Bildes, die Erfüllung
eines geringfügigen Wunsches die Erlaubnis einer freieren Bewegung, das ab
sichtliche Übersehen einer kleinen Ungehörigkeit, das scheinbare Nichtbeobachten des
Kindes; aber auch eine Aufmunterung, ein leiser Tadel, eine ernste Mahnung —
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