Briefe von Prof. Dr. Hilty.
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beschäftigt sei, daß sie aber nicht hastig arbeiten, sich nicht von ihrer Arbeit
hetzen lassen. Beides läßt sich anerziehen und ist weit mehr, als man glaubt,
eine Sache der Gewohnheit, von der aber ein recht großer Teil des Lebens
glückes abhängt, womit man sich und andere glücklich und unglücklich machen
kann.
Seite 51. „Schafft ftohe Jugend euren Kindern,
Des Lebens Schwere sanft zu lindern;
Wer jung schon viel erfahren Gutes,
Trägt auch das Schlimme leichtern Mutes.
Doch wem kein freundliches Erinnern
Zurückbleibt aus der Jugendzeit,
Dem fehlt der rechte Trieb im Innern
Zur wahren Lebensfreudigkeit."
— — — Der höchste Grad der Höflichkeit ist Vertrauen, das man jeder
mann, auch den Armen und Geringen, zeigen muß, soweit es irgend möglich ist.
Das sehr sorgfältige Verschließen von allem und jedem gegen die dienenden
Personen z. B. kränkt dieselben noch mehr — und mit Recht — als eine
anderweitige unfreundliche Behandlung. Die Kinder namentlich müffen lernen
Vertrauen in die Menschen behalten; das Gegenteil verdirbt ihren Charakter
und macht sie frühzeitig zu Tyrannen.
Ebenso müssen sie daran gewöhnt werden, anderen lieber etwas Angenehmes
zu erzählen als zu klagen; sonst werden Frauen aus ihnen, die bei allen sonstigen
guten Eigenschaften durch ihr beständiges Klagen über häusliche Schwierigkeiten
unangenehm werden, oder Männer, die fortwährend an der Regierung ihres
Landes etwas zu tadeln haben, statt tatkräftig zum gemeinen Wohle mitzuwirken.
Lassen Sie mich damit schließen, daß ich sage: In diesem Punkte der
äußeren guten Manieren ist ganz besonders das Beispiel des Guten wie des
Bösen ansteckend. Erziehen Sie ihr ältestes Kind recht sorgfältig nach allen Regeln
einer erleuchteten Höflichkeit, über die Sie selbst vorher reiflich nachgedacht haben,
dann werden die jüngeren sehr leicht zu erziehen sein. Wenn aber der ältere
Bruder am Familientische sein Haupt bei dem Lesen auf beide aufgesetzte Arme
stützt, oder die Türe offen läßt, oder sich von der Schwester bedienen läßt, statt
ihr hilfreich und dienstfertig zu sein, so werden Sie den jüngeren nur schwer
überzeugen können, daß das nicht männliches angebornes Herrenrecht auf Erden
sei.
16. Buch.
Es wird schon vorkommen, gnädige Frau, daran zweifle ich nicht im ge
ringsten. daß das eine oder andere Ihrer Kinder Ihnen sagt: Ich kann aber
doch nicht glauben, was ich nicht sehe und nicht zu begreifen im
stände bin. Warum sollte es nicht? Sie haben vielleicht in einer nicht so
lange vorübergegangenen Zeit Ihres Lebens selbst so geredet und sich dabei
hinter den scheinbar unwiderleglichen Satz verschanzt, daß die Wahrheit zu suchen
und ihr zu folgen des Menschen höchste Pflicht und Aufgabe sei.
Damit machen Sie aber die Wahrheit ganz von den subjektiven Eigen
schaften ihres Beschauers und Erforschers abhängig; es gibt dann keine objektive,
d. h. allgemein gültige, nicht einmal eine von menschlichen Schwächen und Kurz
sichtigkeiten unabhängige Wahrheit mehr. Der Kurzsichtige und der Weitsichtige,
der Blinde und der Taube haben jeder eine andere Wellordnung, ebenso der

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