136 ir. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Gebildete und der Ungebildete, das Kind und der Erwachsene, vielleicht sogar
die Männer und die Frauen. Die Wahrheit ändert sich mit jedem Fortschritt
der Optik, der Teleskopie oder Mikroskopie. Das kann doch nicht die Wahrheit
sein, was fortwährend, und für jeden Menschen sogar, etwas anderes ist. Jeder
Zusammenhang unter ihnen hört auf, wenn jeder nur das für wahr halten und
dem allein folgen will, was er jeweilen begreift und einsieht.
Darauf wird man Ihnen vielleicht antworten, so ist es nicht gemeint; es
gibt allerdings feststehende, über alle Willkür menschlicher vorübergehender
Meinungen und Irrtümer erhabene „Naturgesetze", die wir allmählich immer
besser erkennen lernen und die das Maß aller Dinge sind. Aber wer hat diese
Gesetze aufgestellt? Gesetze, d h. nicht zufällige, sondern mit Überlegung gegebene
Regeln, setzen doch eine Intelligenz, die hinter ihnen steht, notwendig voraus,
und diese Intelligenz nennen wir eben Gott. Auch wenn wir ihr übrigens den
unpassenden Namen Natur geben würden, so wäre dies nur ein anderer Name
für eine persönliche wirkliche Intelligenz.
Ja, aber diese Intelligenz ist etwas dem menschlichen Verstände Unfaßbares,
Unbegreifliches. Damit kommen wir endlich auf den Punkt, wo sich ^Natur
wissenschaft und Religion nicht mehr feindlich berühren. Das ist ganz richtig.
Unbegreiflich, wissenschaftlich undefinierbar und unaussprechbar ist sie und wird
sie immer bleiben; Gott ist ein verborgener Gott, wie es schon Jesaias (45, 15)
sagt. Aber sie lebt, diese alles beherrschende, unerkennbar bestehende Intelligenz,
und sie kann sich empfindbar machen, auch in dem einzelnen Menschenleben,
nicht bloß im großen und ganzen.
Sie anerkennen, sie auf das höchste schätzen und verehren, ihren Willen,
den Sinn und Geist ihrer Gesetze erkennen und tun, überhaupt mit ihr in
Übereinstimmung und nicht in törichtem und nutzlosem Widerspruche leben, das
ist eben die Religion, d. h. die „Verbindung" mit Gott.
Dann brauchen Sie bloß noch einen kleinen Schritt weiter zu gehen und
zu fragen, oder sich fragen zu lassen: Wer hat dies alles bisher am richtigsten
und besten erkannt und gelehrt? Die Antwort darauf ist: Christus.
So können Sie, glaube ich, jedem intelligenten und willigen, unverdorbenen
Kind die wirkliche Wahrheit einigermaßen nahe bringen und es dem großen
Zwiespalt entreißen, in den es notwendig, durch die Schule schon und dann
vollends durch die immer zunehmende Berührung mit der Welt gerät, sofern in
ihm bloß der autoritative Befehl des Glaubens seitens einer Kirche, und der
innere unabwcisliche Befehl des Verstandes, sich an das Begreifliche zu halten,
unvermittelt gegenüberstehen. Es kommt damit im allerbesten Falle nur zu einer
„unbegreiflichen" Welt, die man dann entweder, mit Mark Aurel, ganz un-
erörtert lassen und sich rein an das Begreifliche halten muß, — ein trauriges
Schicksal für einen geistreichen Menschen — oder, mit Goethe, „schweigend ver
ehren," d. h. sich im Grunde auch nicht mehr viel damit befassen, — ein zum
mindesten halb trauriges, jedenfalls auch nicht voll befriedigendes.
Ihr Kind wird dann vielmehr an allem, was lebt, vor allem an der Ge-
schickte der Menschheit und ihrer Entwicklung, und an der Religionswiffenschaft
speziell, ein wirkliches Interesse und einen lebendigen Anteil nehmen, weil sie
ihm von einem bewußten und wohltätigen Gedanken geleitet erscheint, und es
wird damit nicht bloß vor den schweren Durchgängen durch Zweifel, Schuld,
oder mehr oder weniger pessimistische Gleichgültigkeit, dem, was man jetzt

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.