Briefe von Prof. Dr. Hilty.
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Agnostizismus nennt, besser als sonst geschützt bleiben, sondern auch gegen die
heute näher als je liegende Versuchung, sich blindlings, gewissermaßen aus Ver
zweiflung an jeder Erkenntnis, der Menschenknechtschaft irgend einer Kirchen- oder
Sittenlehre willenlos hinzugeben, und alles Denken als gefährlich abzulehnen.
Solche Menschenknechte und unterwürfige Sklavinnen wird uns die aller
nächste Zeit viele bringen; die gebildete Welt, die lange dem Materialismus und
später dem Agnostizismus Goethescher Art über Gebühr gehuldigt hat und darin
ihre Befriedigung vergeblich suchte, ist dazu nun reif geworden in das gerade
Gegenteil umzuschlagen. Denn der geistige Fortschritt der Menschheit bewegt sich
Leider niemals in einer gerade aufsteigenden Linie, sondern immer nur in der
Diagonale, von einem Jrrlum zu dem entgegengesetzten hinüber, aber — das ist
der Trost dabei — doch immer aufwärts. Das Vergangene kehrt nicht gänzlich
so, wie es war, wieder; darin werden sich einige „Führer der Menschheit"
täuschen.
Wenn Sie aber nun nochmals fragen, in welcher Religion oder Kirche
man die Kinder erziehen solle, so antworte ich Ihnen zunächst nochmals darauf:
soweit es Ihnen nach Ihren Lebensverhältnissen tunlich erscheint, möglichst in der
Religion unseres Herrn Jesus Christus selber, d. h. so, wie dieselbe aus seinen
eigenen, uns in den Evangelien überlieferten Worten hervorgeht. Es ist
zweifellos, daß er viel mehr als das gesprochen hat, aber das, was uns berichtet
ist, genügt gänzlich, wenn es jemand ernst ist, es anzunehmen. Ist ihm das
aber zu einfach, oder verbindet er damit noch etwelche Nebenzwecke, so entsteht
daraus das unendlich komplizierte und sich vielfach widersprechende Lehrgebäude,
das man konfessionelle Theologie nennt. Das ist, obwohl nicht schädlich, wenn
man es richtig versteht und wohlwollend auffaßt, doch teilweise ungenießbar selbst
für erwachsene Laien, geschweige denn für heranwachsende Personen.
Suchen Sie also Ihren Kindern einige wenige religiöse Regeln zur Lebens
grundlage zu gestalten, vor allem ihnen einen festen Glauben an Gott und an die
Zuverlässigkeit nicht bloß, sondern namentlich auch an die Wohltätigkeit seiner
Gebote einzuprägen; dann haben Sie mehr getan, als der Religionsunterricht
gewöhnlich leistet. Die Hauptsache ist, daß sie au einen wirklichen, lebendigen
Gott glauben, und daß sie diesen Gott lieben und seine Gebote als etwas Gutes
und Wohltätiges für sich selber ansehen lernen, etwas, das um ihretwillen vor
geschrieben ist; nicht etwas, was Gott zu seiner eignen Verherrlichung und Ehre
von ihnen verlangt, um ihnen damit die Freude am Leben zu verbittern, und das
er dann mit harten Drohungen und lästigen Vorschriften erzwingt. Daraus entsteht
keine Liebe zu Gott, sondern höchstens eine Furcht peinlicher Art, die sich nach
Erlösung sehnt, und daher jede „wissenschaftliche," oder sonstige „Errungenschaft,"
die der Menschheit den leidigen Begriff „Sünde" abnimmt, mit Genugtuung
begrüßt. Solange der gewöhnliche Begriff von „Gott fürchten" besteht, werden
gerade die begabten Kinder sich am ehesten davon emanzipieren und nur durch
sehr schwere eigene Lebenserfahrungen wieder zu Gott zurückkehren.
Das ist heute der gewöhnliche und zu jeder Zeit der sicherste Weg zu Gott.
Aber es ist eine teure Schule, und Aufgabe der Erziehung wäre es, sie dem
Kinde ganz oder teilweise zu ersparen. Wenn man das überhaupt nicht kann,
oder sogar nach einzelnen schroffen theologischen Standpunkten nicht soll, so nützt
eigentlich die ganze religiöse Erziehung nicht sehr viel. Im Gegenteil, es müßte
dann eben jedes Kind durch ein solches Schlammbad hindurch — zum Leben,

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