Rundschau.
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worden sind, und wenn deren Studium sich in der Hauptsache auf eine Wiederholung
der Seminararbeit beschränkt. Vielmehr muß verlangt werden, daß die Lehrer sich für
die zweite Prüfung mit bedeutenderen Werken, die im Seminar nicht haben gelesen
werden können, bekannt machen. Die Geschichte der Pädagogik wird, wie die Er
fahrung lehrt, bei der Vorbereitung auf die zweite Lehrerprüftmg vielfach vernachlässigt.
Zwar soll eine bloße Wiederholung der im Seminarunterricht erworbenen Kenntnisse
nicht verlangt werden, und deshalb wird auf eingehende Lebensbeschreibungen, sowie
unwichtige Einzelheiten und Jahreszahlen kein Wert gelegt, aber umsomehr muß ge
fordert werden, daß die Lehrer mit der Entwicklung des Schulwesens in großen Zügen
vertraut sind, daß sie die pädagogischen Richtungen, die zu verschiedenen Zeiten her
vorgetreten sind, zutreffend charakterisieren, die Bedeutung der hervorragenden Pädagogen
richtig würdigen und auch die Zustände der Gegenwart verständig beurteilen können."
Die Verfügung schließt mit folgender Mahnung: „Wenn bisher in den ersten Jahren
nach Einführung der Prüfungsordnung die hier erwähnten Mängel der Vorbereitung
noch mit Nachsicht beurteilt werden konnten, so wird doch künftig eine größere Strenge
Platz greifen und namentlich solchen Lehrern gegenüber, die in den Geist der neuen
Ordnung schon während ihrer Seminarzeit eingeführt worden sind."
Ein Kind in Untersuchungshaft?! Aus Münster wird der „Tägl. Rundschau"
geschrieben: Beim Lesen der hiesigen Ortsblätter blieb mein Blick auf einem Bericht
über eine Verhandlung der hiesigen Straflammer hasten, der mich geradezu mit Ent
setzen erfüllte. Der Bericht sagt im wesentlichen folgendes: „Am 13. August v. I.
sah der Grenzaufseher Enders aus Bocholt, wie ein Mann und ein Knabe mit einer
beladenen Schiebkarre der holländischen Grenze zufuhren. Als der Beamte, welcher
Schmuggel vermutete, sie anrief, ergriffen sie schleunigst die Flucht und ließen den
Karren zurück. Der eine Flüchtling, der zehnjährige Jean B. aus Diphterloh, wurde
jedoch ergriffen. Bei seiner Vernehmung gab der Junge an, sein Vater habe schon
sechs Säcke Roggen zu der Mühle des Müllers H. M. gebracht; auch die auf der
Karre liegenden zwei Säcke sollten dorthin gehen. Wegen dieser Tat sollten sich gestern
der Schmuggler mit seinem Sohne und der Müller vor der Strafkammer verantworten.
Der erste Angeklagte, ein 70jähriger Arbeiter, war nicht erschienen, so daß die Ver
handlung gegen ihn ausgesetzt werden mußte. Der Müller und der Junge wurden zu
je einem Monat Gefängnis und 85 M. Geldstrafe verurteilt. Bei dem traben wurde
die Gefängnisstrafe durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt angesehen." Ich
traute meinen Augen nicht, als ich dies las. Ein zehnjähriges Kind wird wegen
Schmuggels zu einem Monat Gefängnis verurteilt! Ein Kind, das so harmlos war,
bei der Vernehmung stank und stei auszuplaudern, wieviel Säcke sein Vater schon vor
her über die Grenze gebracht hatte, soll dieselbe Strafe erleiden wie der Müller, zu
dessen Vorteil der Schmuggel geschah. Und dann geschah das schier unglaubliche:
dieses zehnjährige Kind sitzt, wie es doch aus dem Bericht unzweifelhaft hervorzugehen
scheint, seit August vorigen Jahres wegen dieses „Verbrechens" in Untersuchungshaft!
Wenn sich das wirklich so verhalten sollte, dann muß der Fall an geeigneter Stelle,
vielleicht im Landtage, zur Sprache gebracht werden. Wie darf man denn ein Kind
im zartesten Alter, das lediglich seinem Vater gehorcht hat, und über die Strafbarkeit
seiner Handlungsweise jedenfalls nur eine sehr dunkle Vorstellung haben konnte, fast
ein halbes Jahr lang hinter Kerkermauern schmachten lassen!
Folgendes Kulturbildchen wird jetzt durch die Blätter verbreitet: Das Dominium
Kaisersdorf, Kr. Wirsiz, erläßt folgende Bekanntmachung: „Ein tüchttger Kuhfütterer
gesucht. Gehalt 1500 M" Der dottige Lehrer erhält, wenn er als Anfänger ins
Amt eintritt, also mit 21 Jahren, 800 M., d. h. etwas mehr als die Hälfte des Ge
haltes, das der Kuhfütterer bekommt. Nach 19 Dienstjahren, also etwa mit dem 40.
Lebensjahre, würde der dottige Lehrer mit dem Kuhfütterer das gleiche Gehatt beziehen,
um ihn dann nach weiteren 12 Dienstjahren, also im 52. Lebensjahre, um 400 M.
zu übettreffen.
Gegen die Verleihung des Oberlehrertitels an Volksschullehrer hat sich der
Lehrer verein in Leipzig ausgesprochen. Fast in allen größeren Städten Sachsens
besteht der Brauch, für einige ältere Volksschullehrer den Oberlehrertitel zu erwirken,
der dann auf Anstag der Ortsschulbehörde vom Unterttchtsministettum verliehen wird.
Von den Lestziger Volksschullehrern waren bisher nur verhältnismäßig wenige mit
diesem Titel bedacht worden. Nun aber beabsichttgt die Schulbehörde, für eine größere
Zahl von Lehrern diese Auszeichnung zu beantragen. Das hat den „L. Lehrerverein"

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