Immanuel Kants Religion.
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ungeachtet wurde selbst bei der häuslichen Unterhaltung dieser Zwist mit solcher
Schonung und Liebe in Betreff der Gegner von meinen Eltern behandelt und
mit einem solchen festen Vertrauen auf die Vorsehung, daß der Gedanke daran,
obwohl ich damals ein Knabe war, mich dennoch nie verlassen wird." Leider
starb die Mutter schon in seinem 14. Jahr, der Vater 9 Jahre später.
Die Schule hat diese reinen Einflüsse eines gesunden Pietismus offenbar
nicht weiter zu pflegen verstanden, vielmehr seine Kehrseiten unangenehm spürbar
gemacht. Nach des frommen Bischofs Borowski Zeugnis konnte Kant schon
damals „an dem Schema von Frömmigkeit oder eigentlich Frömmelei, zu dem
sich manche seiner Mitschüler und bisweilen nur aus niedrigen Absichten bequemten,
durchaus keinen Geschmack finden." Doch war sein Lehrer, der Direktor Schultz,
wie Vorländer betont, „wenigstens ein gebildeter und besonnener Mann, dem
Süßlichkeit und Weichlichkeit fernlagen und in dem sich von seiner Hallenser
Studienzeit her der Spener-Franckesche Pietismus mit gründlicher Kenntnis der
Wölfischen Philosophie paarte." Aus der Universität hörte er noch dieses seines
früheren Seelsorgers und Erziehers Schultz' Vorlesungen über Dogmatik und
schätzte am meisten von allen seinen Universitätslehrern den Mathematiker und
Philosophen Knutzen, der ebenfalls „mit seinen philosophischen Überzeugungen
eine Pietistische Glaubensrichtung verband." Er schrieb u. a. einen „Philosophischen
Beweis von der Wahrheit der christlichen Religion, darinnen die Notwendigkeit
einer geoffenbarten Religion insgemein und die Wahrheit und Gewißheit der
christlichen Religion insbesondere aus ungezweifelten Gründen der Vernunft nach
mathematischer Lehrart dargetan und behauptet wird." „Indessen ist sicher
bezeugt," sagt Vorländer, „daß nicht die religiöse Tendenz den jungen Immanuel
an seinen Lehrer besonders heranzog, sondern der Umstand, daß Knutzen am
meisten zum Selbstdenken in philosophischen und mathematischen und physischen
Dingen anregte."
Beim Tode seines Vaters trug der 22 Jährige folgende Bemerkung in das
Familienbuch ein: „Anno 1746, den 24. März, nachmittags ^4 Uhr ist
mein liebster Vater durch einen seligen Tod abgefordert worden; Gott, der ihm
in diesem Leben nicht viel Freude genießen lassen, lasse ihm davor die ewige
Freude zu teil werden." Aber schon seine erste Abhandlung „Gedanken von
der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte" zeigte, wie Vorländer meint, die
geänderte Geistesrichtuug an. „Auch die später (1758) von seinem früheren
Lehrer F. Schultz, ehe er ihn zu einer Profesforstelle empfahl, mit feierlichem
Ernst an ihn gerichtete Frage: Fürchten Sie auch Gott von Herzen? läßt auf
gelinde Zweifel des besagten Theologen an der Rechtgläubigkeit des jungen
Philosophen schließen".
Seine religiöse Entwicklung bekundet sich nun weiter in seinen Schriften,
woraus Vorländer die diesbezüglichen Angaben macht. In der „Allgemeinen
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