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I. Abteilung. Abhandlungen.
Naturgeschichte und Theorie des Himmels" erkennt er ausdrücklich noch den
Wert des physiko-theologischen Beweises an: „Es ist ein Gott eben deswegen,
weil die Natur auch selbst im Chaos nicht anders als regelmäßig verfahren
kann." Der Grundsatz seines nachherigen Kritizismus, reinliche Scheidung
von Wissen und Glauben, macht sich schon in dieser vorkritischen Periode
bemerkbar: „Auf dem Felde der Naturwissenschaft besteht die streng mechanische
Auffastung zu recht, darüber hinaus aber bleibt der religiösen Auffassung ein
Platz." Auch Kant wurde durch das Erdbeben in Lissabon zu ernstem Nach
denken über die Rätsel der göttlichen Weltregierung getrieben. Er weist in
einer eigens hierüber verfaßten kleinen Schrift den „sträflichen Vorwitz" ab,
welcher dergleichen Schicksale als verhängte Strafgerichte ansieht" und sich
anmaßt, die Absichten der göttlichen Ratschlüffe einzusehen und nach seinen Ein
sichten auszulegen." Dagegen seien wir in keiner Ungewißheit, wenn es auf
die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege der Vorsehung dem Zweck gemäß
gebrauchen sollen, nämlich uns zu erinnern, daß die Güter der Erde unserm
Triebe zur Glückseligkeit keine Genugtuung verschaffen können." Mit derselben
frommen Resignation und „sanften Schwermut" tröstet der Philosoph 1760 eine
Mutter bei dem Tode ihres Sohnes. „Die echte Religiosität bewahrt jene
„ruhige Heiterkeit der Seele, der keine Zufälle mehr unerwartet sind," und
„erwägt die Nichtswürdigkeit desjenigen, was für uns insgemein für groß und
wichtig gilt" und vertraut trotz aller dunklen Schickungen auf die Lenkung einer
weisen und gütigen Vorsehung." — Drei Jahre später widerlegt er schon in
dem „einzig möglichen Beweisgrund zu einer Demonstration
des Daseins Gottes" die herkömmlichen Gottesbeweise und schließt: „Es
ist durchaus nötig, daß man sich vom Dasein Gottes überzeuge,
es ist aber nicht ebenso nötig, daß man es demonstriere." Diese
Schrift wurde in Wien auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt! — Stark
kritisch wird Kant aber in den „Träumen eines Geistersehers." Da
will er zum Schluß „alle Dogmatik des Übernatürlichen („alle lärmenden Lehr
verfassungen von so entfernten Gegenständen") „der Spekulation und der Sorge
müßiger Köpfe überlassen." Zwar hat nach seiner Meinung, „wohl niemals
eine rechtschaffene Seele gelebt, welche den Gedanken hätte ertragen können, daß
mit dem Tode alles zu Ende sei, und deren edle Gesinnung sich nicht zur
Hoffnung der Zukunft erhoben hätte." Aber es scheint ihm doch „der mensch
lichen Natur und der Reinigkeit der Sitten gemäßer zu sein, die Erwartung
der künftigen Welt auf die Empfindungen einer wohlgearteten Seele, als um
gekehrt ihr Wohlverhalten auf die Hoffnung der andern Welt zu gründen."
Es ist der Standpunkt des „moralischen Glaubens" — der hier zum
erstenmal erscheint —, der, ohne sich auf spitzfindiges Vernünfteln einzulassen,
den Menschen „ohne Umschweif zu seinen wahren Zwecken führt" und der sich

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