Immanuel Kants Religion.
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dann in der „Religion innerhalb rc." zu dem Satze erweitert: Religion
gründet sich auf Moral, nicht Moral auf Religion. Was die „Geheimnisse
der andern Welt" betrifft, so rät Kant „den Wißbegierigen, sich zu gedulden, bis
sie — werden dahin kommen!"
Hier zeigt sich schon die kühle, rein verstandesmäßige Stellungnahme zum
Christentum. Allerdings, er hatte ja „in der Hauptsache das Christentum nur
als pietistisches Christentum in der Königsberger Färbung" kennen gelernt, und
manche werden dadurch seine persönliche Kühle gegenüber dem biblischen Christen
tum einigermaßen erklärt und entschuldigt finden. Zudem war es ein Zeichen seiner
großen wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und unbestechlichen Wahrheitsliebe, wenn
er dem Gefühl keinerlei Einfluß auf seine Philosophie, auch nicht auf seine
religiösen Überlegungen verstattete. Aber dies Zurücktreten des warmen Gefühls
hinter dem berechnenden Verstände ist doch mehr als ein Temperamentfehler,
eine psychologische Einseitigkeit. Wir vermissen mit Bedauern doch recht viel,
wenn wir die Charakteristik seines begeisterten Schülers Jachmann vernehmen,
daß er ebensowenig wie in seinen Schriften, „in den mündlichen Gesprächen
Kants irgend eine mystische Vorstellung bemerkt, noch weniger in seiner Pflicht
erfüllung und in allen Verhältniffen seines Lebens irgend ein mystisches Gefühl
an ihm wahrgenommen habe." „Waren irgend eines Menschen Religions
meinungen kalte Aussprüche der Vernunft, hat je ein Mensch alles, was Gefühl
heißt, von seinen religiösen Handlungen ausgeschloffen, bestand je eines Menschen
Gottesdienst bloß in einem reinen Gehorsam gegen das Vernunftgesetz und in
einer von allem Sinnlichen gereinigten und rein motivierten Pflichterfüllung, so
war dies bei Kant der Fall."
Dennoch ließ ihn die alles prüfende und zügelnde Vernunft nichts weniger
als vernunftsstolz erscheinen. Gewiß war Kant reiner Rationalist und
wollte es sein, aber wie wir noch genauer sehen werden, durchaus kein Rationalist
in dem unter uns üblichen Sinne des Wortes, der aufgeblasen seine menschliche
Vernunft zum Maßstab alles Göttlichen gemacht hätte. Er war und blieb nicht
nur als Mensch von bezaubernder Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, sondern
auch als Philosoph wahrhaft demütig. Als einst seine Moral mit Jesu Sitten
lehre verglichen wurde, bat er den Betreffenden die Namen, „davon der eine
geheiligt, der andere aber eines armen, ihn nach Vermögen^auslegenden
Stümpers sei," fortzulassen und nur von „christlicher" und „philosophischer"
Moral zu sprechen.
II.
1. Wie weit Kant von dem eitlen Vernunftstolz und dem Dünkel des
natürlichen Menschen grundsätzlich entfernt war, zeigt sofort das erste Kapitel
seiner „philosophischen Religionslehre", um nun zu dieser selbst über-

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