Zum neuen Jahre.
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faltung ihrer Kräfte, so werden die schwächeren, da doch nicht viele sitzen bleiben
dürfen, über Gebühr angestrengt und trotz allen Plagens oft mit sehr unvoll
kommener Ausrüstung in die höhere Klasse versetzt, deren Lehrer ihnen nur noch
weniger gerecht zu werden in der Lage ist.
Da ist es allerdings sehr dankenswert, wenn die Mannheimer Herren offen
sagen, wie es ist. Trüper meint, daß die kommunalen Machthaber den Bankrott
ihres Schulkasernismus trotz allem nicht zugeben werden, und ich fürchte, daß er
recht hat. Die prächtigen Schulpaläste mit ihrer reichen Ausstattung, die auf so
vielen Gebieten gefeierten Triumphe, durch Teilung der Arbeit errungen, täuschen
über das innere Elend hinweg, das man ja auch am eigenen Fleisch nicht erfährt,
da die Machthaber ihre Kinder nicht in die Volksschule schicken. Ja, ich fürchte,
daß auch manche Kollegen trotz Mannheimer und anderweitiger Erfahrungen den
Bankrott leugnen werden. Von den mannigfaltigen nichtpädagogischen, aber
menschlichen und verständlichen Gründen, die dazu führen, will ich absehen und
nur die abergläubische Verehrung erwähnen, mit der man den Schulgedankenkreis
betrachtet. Solange man nicht erkannt hat, daß die Familie und die Umgebung
des Kindes einen erziehlichen Einfluß ausüben, gegen den der Einfluß von
Schule und Kirche zurücktritt, zu dem sich deshalb diese Erzieher in ein gesundes
Einvernehmen setzen müssen, wenn ihre Arbeit den rechten bleibenden Erfolg
haben soll, so lange ist es unmöglich, zu einer rechten Wertung der Schularbeit
und Schuleinrichtung zu kommen. Kenntnisse und Fertigkeiten kann die Schule
vermitteln ohne Zutun und Beihülfe des Hauses, wenn auch diese Beihülfe sich
sehr förderlich erweist und ihr Fehlen oder gar häusliches Entgegenwirken die
Resultate sehr zu beeinträchtigen vermögen; ob aber die humanistischen Stoffe
der Schule den gewünschten Einfluß auf die Gesinnung der Kinder ausüben
werden, das hängt in erster Linie von dem Anschauungs- und Übungsfelde ab,
in dem das Kind steht.
Ein weiteres Verdienst des Dr. Sickinger sehe ich darin, daß er mit aller
Energie versucht, dem Übel abzuhelfen, und man könnte es für einen sehr be
deutsamen Fortschritt halten, daß in Mannheim neben dem Alter auch die
Leistungsfähigkeit berücksichtigt wird, daß die schulpflichtig gewordenen Kinder nach
ihrer Befähigung als schwach, mittelmäßig und gut beanlagte verschiedenen
Systemen zugewiesen werden und in den verschiedenen Systemen Vorkehrungen
getroffen sind, den durch Krankheit oder sonstwie sich ergebenden zeitlichen Sonder
bedürfnissen gerecht werden zu können.
Doch ist das Heilmittel nicht ohne Bedenken.
Die gut und schwach beanlagten Kinder als solche zu erkennen, ist für ge
wöhnlich nicht schwer. Wie ist es aber bei den mittelmäßigen, mit den Schwan
kungen der Leistungsfähigkeit während der folgenden Schuljahre und der ein
seitigen Begabung? Die Mannheimer Einrichtung ermöglicht Verschiebung von

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