Immanuel Kants Religion.
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radikales, angeborenes (nichtsdestoweniger aber uns von uns zugezogenes)
Böse in der menschlichen Natur nennen können."
„Daß nun ein solcher verderbter Hang im Menschen gewurzelt sein müsse,
darüber können wir uns, bei der Menge schreiender Beispiele, welche uns die
Erfahrung von den Taten der Menschen vor Augen stellt, den förmlichen
Beweis sparen." Es zeigt sich ebensosehr in dem sogenannten Naturzustände,
„in welchem manche Philosophen die natürliche Gutartigkeit der menschlichen
Natur vorzüglich anzutreffen hofften," als auch im Kulturzustande, „worin
sich ja die Anlagen der menschlichen Natur vollständig haben entwickeln können,
und aus dem man grade eine lange melancholische Litanei von Anklagen der
Menschheit wird anhören müssen; von geheimer Falschheit, selbst bei der innersten
Freundschaft, so daß die Mäßigung des Vertrauens in wechselseitiger Eröffnung
auch der besten Freunde zur allgemeinen Maxime der Klugheit im Umgang
gezählt wird, von einem Hange, denjenigen zu hassen, dem man verbindlich ist,
worauf ein Wohltäter jederzeit gefaßt sein müßte; von einem herzlichen Wohl
wollen, welches doch die Bemerkung zuläßt, es sei in dem Unglück unserer
Freunde etwas, das uns nicht ganz mißfällt; und von vielen andern unter dem
Tugendscheine noch verborgenen, geschweige derjenigen Laster, die ihrer garnicht
hehl haben, weil uns der schon gut heißt, der ein böser Mensch von der
allgemeinen Klasse ist;" und er wird „an den Lastern der Kultur und
Zivilisierung (den kränkendsten unter allen) genug haben, um seine Augen lieber
vom Betragen der Menschen abzuwenden, damit er sich nicht selbst ein anderes
Laster, nämlich den Menschenhaß, zuziehe."
Fragt man nun weiter nach dem Grund des Bösen, so kann er weder
in der Sinnlichkeit der Menschen, und den daraus entspringenden
natürlichen Reizungen, noch in einer Verderbnis der moralisch gesetz
gebenden Vernunft gesetzt werden. Vielmehr „ist der Mensch (auch der
beste) nur dadurch böse, daß er die sittliche Ordnung der Triebfedern, in der
Ausnehmung derselben in seine Maximen, umkehrt: das moralische Gesetz
zwar neben dem der Selbstliebe in dieselbe aufnimmt: da er aber inne wird,
daß eines neben dem andern nicht bestehen kann, sondern eins dem andern als
seiner obersten Bedingung untergeordnet werden müffe ... er die Triebfedern
der Selbstliebe und ihre Neigungen zur Bedingung der Befolgung der ersteren
in die allgemeine Maxime der Willkür als alleinige Triebfeder aufgenommen
werden sollte." — Darf man also die Bösartigkeit der menschlichen Natur nicht
Bosheit im strengen Sinne des Worts nennen, vielmehr Verkehrtheit
des Herzens, so ist doch das Ergebnis der Betrachtung sehr niederschlagend:
es „möchte wohl von Menschen allgemein wahr sein, was der Apostel sagt: Es
ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder — es ist keiner, der Gutes
tue, (nach dem Geist des Gesetzes) auch nicht einer."

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