Immanuel Kants Religion.
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Geschichtserzählung dadurch aus, daß sie das Böse zwar im Weltanfange, doch
noch nicht im Menschen, sondern in einem Geiste von ursprünglich erhabener
Bestimmung voranschickt; wodurch also der erste Anfang alles Bösen überhaupt
als für uns unbegreiflich (denn woher kam bei jenem Geist das Böse?), der
Mensch aber nur als durch Verführung ins Böse gefallen, also nicht von Grund
aus (selbst der ersten Anlage zum Guten nach) verderbt, sondern als noch einer
Besserung fähig vorgestellt und so ihm, der bei einem verderbten Herzen doch
immer noch einen guten Willen hat, Hoffnung einer Wiederkehr zu dem Guten,
von dem er abgewichen ist, übrig gelassen wird."
Das ist Kants Lehre vom radikalen Bösen. Wieviel des
positiv Christlichen darin enthalten ist, möge der Leser selbst beurteilen. Jeden
falls empfanden die hochgemuten Geister seiner Zeit, die gerade der Antike lebten,
ein Goethe an der Spitze, diese Anschauung als etwas spezifisch Christliches
und waren nichts weniger als erbaut davon. Goethe schrieb 1793 an Herder,
Kant habe seinen „philosophischen Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben
gebraucht, ihn von mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit
dem Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch auch Christen
herbeigelockt würden, den Saum zu küssen." Schiller fand zwar auch den
selben Satz vom radikalen Bösen „empörend" für sein „Gefühl", meint aber,
gegen Kants Beweise lasse sich nichts einwenden, „so gern man auch wolle."
2. „Der philosophischen Religionslehre zweites Stück"
handelt sodann „von dem Kampf des guten Prinzips mit dem
bösen um die Herrschaft über den Menschen." Der Gedankengang
dieses Kapitels zielt auf das, was wir nach der Heiligen Schrift und der christ
lichen Glaubenslehre Erlösung oder Gnade nennen. Der Philosoph braucht sich
ja freilich nicht um die überlieferten Schemata der Dogmatik zu kümmern, aber
hat er grundlegend das Kapitel von der Sünde mit solch eindringendem Ernst
behandelt, so müßte nun auch die Veranstaltung zur Beseitigung der Sünden
herrschaft abgehandelt werden. Darin hindert unsren scharfsinnigen Denker nicht
jener seichte Optimismus der antiken sokratisch-stoischen Ethik, die da meinte,
die Torheit des Bösen durch die Erkenntnis und Weisheit des Guten hin
reichend bekämpfen und überwinden zu können, da er vielmehr die Wahrheit der
schärferen Unterscheidung der christlichen Moral, die das Gute und Böse, das
Reich des Lichts und der Finsternis durch eine unermeßliche Kluft voneinander
getrennt vorstellig macht, ausdrücklich anerkennt. Wohl aber hindert ihn
an einem weiteren Mitgehen mit der christlichen Glaubenslehre der rationalistische
Horror vor dem Historischen, den'wir schon von Lessing her so wohl
kennen. „Zufällige Geschichtswahrheiten können nicht der Beweis für ewige Vernunft
wahrheiten werden", dieser Kanon beherrscht auch das Denken des großen Königs
bergers. Die Religion auf eine Heilsgeschichte zu gründen war ihm also

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