154
I. Abteilung. Abhandlungen.
unmöglich. Eine positive Offenbarung Gottes in der Geschichte kannte er nicht,
wenigstens nicht eine solche im biblischen Sinne, sondern nur eine rationale in
Natur, Vernunft und Gewissen. Darum wußte er mit den Heilstaten Gottes,
dem Erlösungswerk selbst nichts Rechtes anzufangen.
Dennoch war ihm Jesus weit mehr als bloßer Tugendlehrer und
Beispiel. Er war ihm die personifizierte Idee des guten Prinzips.
Die Menschheit in ihrer moralischen ganzen Vollkommenheit
ist in ihm verkörpert. Dieses „Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit" „ist
in Gott von Ewigkeit her": „die Idee desselben geht von seinem Wesen aus;
er ist insofern kein geschaffenes Ding, sondern sein eingeborener Sohn, das
Wort (das Werde!) durch welches alle andern Dinge sind und ohne das nichts
existiert, was gemacht ist; denn um feinet- d. h. des vernünftigen Wesens in
der Welt willen, sowie es seiner moralischen Bestimmung nach gedacht werden
kann, ist alles gemacht. — Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit. — In ihm
hat Gott die Welt geliebt, und nur in ihm und durch Annehmung seiner Ge
sinnung können wir hoffen, Kinder Gottes zu werden usw." Seine Gesinnung
können wir aber nicht aus uns selbst annehmen; der von Natur böse Mensch
kann das Böse nicht von selbst ablegen und sich zum Ideal der Heiligkeit
erheben, vielmehr hat das letztere die Menschheit, die für sich nicht böse ist,
angenommen und sich zu ihr herabgelassen. Jenes Urbild der sittlichen
Gesinnung ist vom Himmel zu uns herab gekommen; der Sohn Gottes hat
sich erniedrigt.
„Im praktischen Glauben an diesen Sohn Gottes", der alle
Leiden und Hindernisse der moralischen Gesinnung um des Weltbesten willen
übernommen und siegreich bestanden hat, „kann nun der Mensch hoffen, Gott
wohlgefällig (dadurch auch selig) zu werden."
Wie aber sollen wir nun dieses Ideal in unser Leben aufnehmen, wie der
Forderung entsprechen: „Seid heilig in eurem Lebenswandel, wie euer Vater im
Himmel heilig ist," da doch „die Entfernung des Guten, was wir in uns
bewirken sollen, von dem Bösen, wovon wir ausgehen, unendlich ist," jenes
Ideal also für uns unerreichbar ist? „Gleichwohl soll die sittliche Beschaffenheit
des Menschen mit ihr übereinstimmen. Sie muß also in die Gesinnung,
in die allgemeine und lautere Maxime der Übereinstimmung des Verhaltens mit
demselben als dem Keim, woraus alles Gute entwickelt werden soll, gesetzt
werden, die von einem heiligen Prinzip ausgeht, welches der Mensch in seine
oberste Maxime aufgenommen hat." Diese neue Gesinnung kann für die
Tat gelten, weil der Herzenskündiger in seiner reinen intellektuellen Anschauung
den Fortschritt der Tat aus der Gesinnung ins Unendliche überblickt, weil wir
also in dem unveränderten „Trachten nach dem Reiche Gottes" dieses Reich
tatsächlich schon besitzen.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.