Immanuel Kants Religion.
15b
Dennoch bleibt die Frage, ob der Mensch, der doch vom Bösen ausging,
vor dem gerechten Gericht des heiligen Gottes jemals gerechtfertigt dastehen kann,
da jener böse Anfang nicht durch das neue bessere Leben zugedeckt werden kann.
Dies ist nun möglich, insofern der Mensch in seiner Sinnesänderung die
Reinheit des Sohnes Gottes, des sittlichen Ideals, in sich aufgenommen hat,
dadurch also moralisch ein andrer geworden ist. Diese personifizierte Idee,
dieser Sohn Gottes selbst trägt somit „für ihn und so auch für alle, die an
ihn (praktisch) glauben, als Stellvertreter die Sündenschuld, tut durch
Leiden und Tod der höchsten Gerechtigkeit als Erlöser genug und macht als
Sachwalter, daß sie hoffen können, vor ihrem Richter als gerechtfertigt
zu erscheinen, nur daß (in dieser Vorstellungsart) jenes Leiden, was der neue
Mensch, indem er dem alten abstirbt, im Leben fortwährend übernehmen muß,
an dem Repräsentanten der Menschheit als ein für allemal erlittener Tod vor
gestellt wird." — „Hier ist nun derjenige Überschuß über das Verdienst der
Werke," den der vom Bösen ausgehende Mensch nie leisten kann, „und ein
Verdienst, das uns aus Gnaden angerechnet wird." Denn von Rechts
anspruch gegenüber dem Urteil Gottes kann ja bei uns keine Rede sein; wir
können nur Empfänglichkeit uns beilegen; „der Ratschluß aber eines
Oberen zur Erteilung eines Guten, wozu der Untergeordnete nichts weiter als
die (moralische) Empfänglichkeit hat, heißt Gnade."
Jesus ist mithin der wirkliche Mensch, in welchem als einem Beispiel für
alle andern das gute Prinzip erschien und sich durchsetzte; sein Tod war die
Darstellung des guten Prinzips, nämlich der Menschheit in ihrer moralischen Voll
kommenheit, wodurch das böse Prinzip allerdings noch nicht endgültig besiegt,
wohl aber seine Gewalt gebrochen wurde, so daß es die, welche ihm so
lange untertan gewesen sind, nicht mehr wider ihren Willen halten kann, „indem
ihnen eine andere moralische Herrschaft (denn unter irgend einer muß der
Mensch stehen) als Freiheit eröffnet wird, in der sie Schutz für ihre Moralität
finden können, wenn sie die alte verlassen wollen." —
Was sagt nun aber der Bibelchrist zu solcher Umdeutung des Schrift
inhalts? Kant fühlt sich selbst bei diesem etwas „unhistorischen" und gewalt
samen Vorgehen nicht ganz wohl und rechtfertigt sich zum Schluß mit folgendem
charakteristischen Satz: „Übrigens kann eine Bemühung wie^die gegenwärtige, in
der Schrift denjenigen Sinn zu suchen, der mit dem Heiligsten, was die
Vernunft lehrt, in Harmonie steht, nicht allein für erlaubt, sie muß vielmehr
für Pflicht gehalten werden, und man kann sich dabei desjenigen erinnern, was
der weise Lehrer seinen Jüngern von jemandem sagte, der seinen besonderen
Weg ging, wobei er am Ende doch auf ebendasselbe Ziel hinauskommen mußte:
Wehret ihm nicht, denn, wer nicht wider uns ist, der ist für uns."

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