Immanuel Kants Religion.
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der Mensch keineswegs die Hände in den Schoß legen und das Ganze „einer
höheren Weisheit überlassen." „Er muß vielmehr so verfahren, als ob alles auf
ihn ankomme, und nur unter dieser Bedingung darf er hoffen, daß höhere
Weisheit seinen wohlgemeinten Bemühungen die Vollendung werde angedeihen
lassen."
Genug, die Idee eines Volkes Gottes ist (unter menschlicher
Veranstaltung) nicht anders als in der Form der Kirche aus
zuführen. Diese Kirche kann aber nicht auf einen bloßen Vernunftglauben
gegründet werden, der sich jederzeit zur Überzeugung mitteilen läßt, sondern sie
bedarf bei der Schwäche der menschlichen Natur zu ihrer Grundlage eines
historischen oder eines Offenbarungsglaubens, „den man den Kirchenglauben
nennen kann, und dieser wird am besten auf eine heilige Schrift gegründet.
Eine solche Kirche ist aber geneigt, einen besonderen Gottesdienst einzu
richten und von ihren Gliedern zu fordern, also einen „Dienst, den sie Gott
zu leisten haben, wo es nicht sowohl auf den inneren, moralischen Wert der
Handlungen als vielmehr darauf ankommt, daß sie Gott geleistet werden, um,
so moralisch indifferent sie auch an sich selbst sein möchten, doch wenigstens durch
passiven Gehorsam Gott zu gefallen." Daß die Menschen, wenn sie ihre Pflicht
gegen sich selbst und andere erfüllen, „eben dadurch auch göttliche Gebote aus
richten, mithin in allem ihrem Tun und Lassen, sofern es Beziehung auf Sitt
lichkeit hat, beständig im Dienste Gottes sind, und daß es auch schlechter
dings unmöglich sei, Gott auf andere Weise näher zu dienen (weil sie doch auf
keine andre als bloß auf Weltwesen, nicht aber aus Gott wirken und Einfluß
haben können) will ihnen nicht in den Kopf." Man will in Analogie mit
irdischen Verhältnissen, wo jeder große Herr das Bedürfnis hat, von seinen
Untertanen geehrt und durch Unterwürfigkeitsbezeugungen gepriesen zu werden,
die Pflicht, sofern sie zugleich göttliches Gebot ist, als Betreibung einer An
gelegenheit Gottes, nicht des Menschen behandeln, und so entspringt der
Begriff einer gottesdienstlichen, statt des Begriffs einer reinen moralischen Religion.
Immerhin darf nicht behauptet werden, die Kirche sei eine bloß menschliche
Veranstaltung, da doch die reine moralische Religion „ohne die gehörig vor
bereiteten Fortschritte des Publikums in Religionsbegriffen" nicht auf einmal
habe erscheinen können. Sie ist ein Vehikel für den reinen Religionsglauben
und ein Mittel der öffentlichen Vereinigung der Menschen zu seiner Beförderung.
Und dazu bedarf sie eben eines heiligen Buches, durch das alle Einwürfe der
Vernunft mit dem Wahlspruch niedergeschlagen werden können: Da steht's
geschrieben. x ) Aber es bleibt doch dabei, daß der Kirchenglaube zu seinem
i) Zu welchen Fatalitäten es führt, wenn man an dem inspirierten Buchstaben
der Schrift sklavisch hängen bleibt und den Geist der gereinigten Religion nicht zum

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