Immanuel Kants Religion.
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bloßen Gebrauch ihrer Vernunft geschehen wäre. Diese höhere und wirksamere
Vermittelung der moralischen Religion ist durch den Stifter der ersten wahren
Kirche geschehen. Diese seine Würde beglaubigt sich als göttliche Sendung
in seinen Lehren. Vor allem „will er, daß nicht die Beobachtung äußerer
bürgerlicher oder statutarischer Kirchenpflichten, sondern nur die reine moralische
Herzensgesinnung den Menschen Gott wohlgefällig machen könne (Matth. 5,
20—48); daß Sünde in Gedanken vor Gott der Tat gleich geachtet werden
(V. 28) und überhaupt Heiligkeit das Ziel sei, wohin er streben soll (V. 44);
daß ein dem Nächsten zugefügtes Unrecht nur durch Genugtuung an ihm selbst,
nicht durch gottesdienstliche Handlungen könne vergütet werden (V. 24), und
im Punkte der Wahrhaftigkeit das bürgerliche Erpressungsmittel (!), der Eid,
der Achtung für die Wahrheit selbst Abbruch tue" etc. „Er läßt überdem doch
auch unter den Benennungen der engen Pforte und des schmalen Weges die
Mißdeutuug des Gesetzes nicht unbemerkt, welche sich die Menschen erlauben, um
an ihrer wahren moralische Pflicht vorbeizugehen und sich dafür durch Erfüllung
der Kirchenpflicht schadlos zu halten (7, 13); von diesen reinen Gesinnungen
fordert'er gleichwohl, daß sie sich auch in Taten beweisen sollen (5, 16), und
spricht dagegen denen ihre hinterlistige Hoffnung ab, die den Mangel derselben
durch Anrufung und Hochpreisung des höchsten Gesetzgebers in der Person seines
Gesandten zu ersetzen und sich Gunst zu erschmeicheln meinen (5, 21). Von
diesen Werken will er, daß sie um des Beispiels willen zur Nachfolge auch
öffentlich geschehen sollen (5, 16) und zwar in fröhlicher Gemütsstimmung, nicht
als knechtisch abgedrungene Handlungen (6, 16), und daß so, von einem kleinen
Anfange der Mitteilung und Ausbreitung solcher Gesinnungen, als einem
Samenkorn in gutem Acker oder einem Ferment des Guten, sich die Religion
durch innere Kraft allmählich zu einem Reiche Gottes vermehren würde
(13, 31—33). — Endlich faßt er alle Pflichten 1) in einer allgemeinen Regel
zusammen, (welche sowohl das innere als das äußere moralische Verhältnis der
Menschen in sich begreift), nämlich: tue deine Pflicht aus keiner anderen Trieb
feder als der unmittelbaren Wertschätzung derselben, d. i. liebe Gott (den Gesetz
geber aller ^Pflichten) über alles, 2) einer besonderen Regel, nämlich die das
äußere Verhältnis zu andern Menschen als allgemeine Pflicht betrifft: liebe
einen jeden als dich selbst, d. i. befördere ihr Wohl aus unmittelbarem, nicht
von eigennützigen Triebfedern abgeleitetem Wohlwollen; welche Gebote nicht bloß
Tugendgesetze, sondern Vorschriften der Heiligkeit sind, der wir nachstreben sollen,
in Ansehung deren aber die bloße Nachstrebung Tugend heißt. Das moralische
Gute darf man also nicht passiv von oben erwarten, sondern soll das anvertraute
Pfund ernstlich benutzen. Die verheißene Belohnung will durchaus nicht den
Eigennutz befriedigen und zur Triebfeder unsrer Handlungen machen, vielmehr
werden diejenigen für die eigentlichen Auserwählten des Reiches erklärt, „welche

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