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I. Abteilung. Abhandlungen.
einem System ins andere; wird dadurch aber das Gesamtsystem nicht so kom
pliziert, daß die Einheitlichkeit der Arbeit zu wahren zu einer Unmöglichkeit wird?
Ist es nicht schon sehr schwer, in einem vierköpfigen Kollegium die Einheitlichkeit
zu wahren, wie soll dies in einem mehr als zwanzigköpfigen geschehen? Werden
nicht in dem System für gut, mittelmäßig usw. beanlagte Schüler sich bald
wieder manche zeigen, bei denen ein schnelleres oder langsameres Tempo im Fort
schreiten ermöglicht werden müßte, wenn man anders ihrer Individualität gerecht
werden will? Vermag die Dreiteilung überhaupt der individuellen Befähigung
gerecht zu werden, müßte nicht, um dies zu können, die Teilung noch weiter
fortgesetzt werden?
So ließe sich noch manche Frage stellen. Das für mich am schwersten
wiegende Bedenken liegt aber nicht in dem, was die Mannheimer tun, sondern
in dem, was sie unterlassen, und damit bin ich wieder auf dem Boden der
Tradition unseres Schulblattes.
Dr. Sickinger hat recht, wenn er sagt, daß die bisherige uniforme Schul
gliederung auf der Theorie von der schablonisierten Menschenseele sich aufbaue,
daß nur die auf der Erkenntnis der differenzierten Menschenseele sich aufbauende
Psychologie „fedem das Seine" zu geben vermöge. Aber die Kindesseele ist
nicht nur differenziert durch Lebensalter und natürliche Leistungsfähigkeit, sondern
auch durch die fortgehenden Einflüsse ihres Lebenskreises; und die von Haus und
Lebenskreis ausgehenden Einwirkungen sind so bestimmend, daß sie die von Kirche
und Schule ausgehenden nicht nur bedenklich zu hemmen, sondern gänzlich auf
zuheben und in ihr Gegenteil zu verkehren vermögen.
Herr Dr. Sickinger ist gewiß weit davon entfernt, auf erziehenden
Unterricht verzichten zu wollen; er weiß auch die Bedeutung der häuslichen und
sozialen Verhältnisse für die Leistungsfähigkeit des Kindes zu schätzen; er kennt
gewiß auch die Einflüsse, die die Kirche und Gemeinde auf seine Schüler aus
üben. Aber Familie, Gemeinde und Kirche sind ihm nicht Faktoren, mit denen
er fortgehend zu rechnen hat, zu denen die Schule im Interesse der gemeinsamen
Erziehungsarbeit ein gesundes Verhältnis suchen und immer vollkommener gestalten
muß, wenn sie nicht zu einer isolierten Schule werden will, d. h. zu einer
Schule, die darauf verzichtet, das durch die Einflüsse des Hauses, der Um
gebung usw. differenzierte, wirkliche Kind zu erziehen, und im besten Falle es
dahin bringt, die ihr Anbefohlenen zu Schulnormalmenschen zu machen, zu
Menschen, die allerlei nützliche Kenntnisse und Fertigkeiten besitzen und einige
gute Gewöhnungen haben.
Ich weiß sehr gut, daß auch bei ein- und wenigklassigen Schulen das ge
sunde Verhältnis zwischen den Erziehern fehlen kann durch Schuld der Lehrer
und übrigen Erzieher oder durch besonders ungünstige Verhältnisse. Bei diesen
Schulen ist aber ein gesundes Verhältnis nicht nur möglich, sondern auch so

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