Immanuel Kants Religion.
161
grundsätzlich bedeutsamste Werk Kants in Bezug auf die Religion ist. Es wird
in Thilos vorzüglicher Schrift über Kants Religionsphilosophie überhaupt nicht
berücksichtigt, weil sein Inhalt „nicht eine rein philosophische Bearbeitung des
Religionsbegriffes, sondern nur eine Deutung der positiv-christlichen Religion
bezwecke, eine Philosophie des Christentums" darstelle.
Dabei ist gerade in Kants grundlegenden Werken, seinen Kritiken, eine
ungleich größere Menge des religions philosophischen Stoffes angehäuft, als bei
allen seinen Vorgängern, wie Thilo betont, und zwar „in ungleich genauerer
und tieferer Bearbeitung. Alle seine Hauptwerke sind im Grunde nur ein
Unterbau für die Religionsphilosophie; denn ihre letzte Tendenz geht darauf
hinaus, Klarheit und Bestimmtheit des Bewußtseins über die höchsten Fragen
des menschlichen Geistes zu erringen; wie er es auch selbst ausspricht, daß die
Fragen über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit die eigentlichen Zielpunkte der
Metaphysik seien. Wenn man daher die Gründlichkeit und Tiefe in der Anlage
dieser Werke kennt, mit welchem dieser große Denker die ganze Kraft und Fülle
seines Geistes jenen höchsten Gegenständen widmete, und sieht ihn hoch über
so vielen stehen, welche zwar sehr geneigt sind, über die Dürftigkeit seiner reli
giösen Ansichten mitleidig die Achseln zu zucken, die aber ihrerseits, gegen ihn
gehalten, nicht einmal eine nennenswerte Denkarbeit an jene Gegenstände ge
wandt haben, sondern nur mit einem meistens sehr wohlfeil zusammengerafften
und schlecht geprüften Reichtum sich brüsten."
Aufrichtigkeit, ernsteste Gewissenhaftigkeit, waren die Triebfedern seiner
gesamten scharfsinnigen, revolutionierenden Denkarbeit. Er bekannte sich, wie wir
sehen, aufrichtig als Rationalist, aber nicht im Sinne einer dünkelhaften
Anmaßung, die alle „Welträtsel" erklären zu können meint und über alle Offen
barung abspricht. Vielmehr spricht er's ausdrücklich aus: „Der Rationalist
muß sich vermöge dieses seines Titels von selbst schon innerhalb der Schranken
der menschlichen Einsicht halten, daher wird er nie als Naturalist absprechen und
weder die innere Möglichkeit einer Offenbarung überhaupt noch die Notwendigkeit
einer Offenbarung als eines göttlichen Mittels zur Introduktion der wahren
Religion bestreiten, denn hierüber kann kein Mensch durch Vernunft etwas
ausmachen."
Das eben ist Kants unsterbliches Verdienst für den Fortschritt der religiösen
Erkenntnis, daß er die Ansprüche der menschlichen Vernunft, das Geoffenbarte,
vor allem das Dasein Gottes beweisen zu wollen, als Überschreitung ihrer
Schranken bekämpft und als irrig für alle Zeiten unwiderleglich nachwies.
Damit hat er uns den nicht genug zu schätzenden Dienst getan, daß er die
Religion aus ihrer intellektualistischen Sphäre heraushob, daß er endgültig fest
gestellt hat, wieso und warum Religion nicht mit Gegenständen des Wissens,
sondern des Glaubens zu tun hat. Er hat unsern evangelischen Glauben
12

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.