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I. Abteilung. Abhandlungen.
neu fundamentiert, indem er ihn wissenschaftlich unanfechtbar vom Wissen schied
und für eine praktische Betätigung des menschlichen Geistes erklärte. In diesem
Sinne ist gerade sein berühmtestes und wissenschaftlichstes Werk, die Kritik der
reinen Vernunft, von ganz ungemeiner religiöser Bedeutung, indem es die
Grenzen der Vernunft untersucht und sie in die ihr gebührenden Schranken weist.
Demnach ist es „das größte Verdienst Kants" sagt Lülmann, „daß er das
Christentum nicht als wissenschaftliche, sondern als religiöse Weltanschauung auf-
fassen lehrte. Er hat dadurch der christlichen Dogmatik und der christlichen
Apologetik für alle Zeiten den rechten Standort und Ausgangspunkt angewiesen.
Die Aufgabe, die Leibniz vorschwebte, die er aber zu lösen nicht im stände
war, hat Kant in der Tiefe erfaßt und im Prinzip gelöst: Versöhnung zwischen
Glauben und Wissen im Christentum."
Kants Kritik leistet noch mehr; bei all ihrem kritisch schonungslosen Vor
gehen gegen einen durch das Alter von Jahrhunderten ehrwürdig gewordenen
Beweis des Christentums schafft er positiv eine ganz neue Grundlage für den
Beweis seiner Wahrheit, den praktischen anstatt des theoretischen. „Jene
erhabenen Objekte zu begreifen", sagt Goldschmidt in seinem feinen Kant-
Gedenkblatt, „verlangt der Aberwitz, der sich selbst bestimmende Wille fordert sie
nur nach seiner Idee. Konsequentes Denken führt zu Postulaten des
Glaubens, es verlangt als Endziel das höchste Gut, das nur unter Voraus
setzung Gottes und einer künftigen Welt denkbar ist. Hier sind Gründe, die
zwar an das Objekt nicht heranreichen, aber dem vernünftigen, vertrauenden
Glauben Genüge leisten, und auf praktischem Gebiet allein ist es möglich, den
Begriff Gottes zu bestimmen." Daran, daß der Mensch sich als ein wollendes
und sollendes Wesen begreift, erkennt er seine höhere Bestimmung, die ihn über
seine Erfahrung als Weltwesen hinaushebt. In seinem Gewissen wird ihm
die Überzeugung von dem Dasein Gottes gewiß. — Professor Kaftan zeigt in
seiner geistreichen Gedächtnisrede auf Kant diesen Gedankengang sehr anschaulich,
indem er den „Philosophen des Protestantismus" mit den beiden andern führen
den Geistesheroen, mit Aristoteles, dem Philosophen der römischen Kirche, und
Plato, dem Philosophen der morgenländischen Kirche, vergleicht. Aristoteles will
mit den Füßen auf der Erde stehend auf Grund der Erfahrung zum Ziel
und Ende des Erkennens, zu Gott gelangen; Plato will dazu die dem Geiste
eingeborenen Flügel gebraucht wissen. Beide kommen nicht zum Ziele. „Kant
heißt uns auf der Erde festen Fuß fassen und zum Vorwärtskommen auf ihr
hübsch die Füße gebrauchen, durch nichts uns beirren lassen, was uns davon
abbringen, was uns einreden will, wir könnten irgendwie der geduldigen Arbeit
entraten. Nur sollen wir uns bewußt werden, daß wir mit dem Wandern
über die Erde niemals die Sonne erreichen. Wir sollen darauf acht geben, wo
sich die Flügel der Seele regen, die uns wirklich emportragen. Das geschieht

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