Immanuel Kants Religion.
163
im sittlichen Werden. Am kategorischen Imperativ, am Sittengesetz in uns,
dem wir gehorchen sollen, geht uns die Majestät Gottes auf. Oder noch
anders ausgedrückt: Das Werden der Persönlichkeit in uns ist der Zusammen
hang, in dem wir die Erkenntnis Gottes gewinnen, — im Bilde gesprochen:
indem uns die Flügel wachsen, die uns zur Sonne tragen, zum Ziele der
Sehnsucht unsrer Erkenntnis wie unsres Willens." „Wenn wir diesen Weg
betreten, werden wir weder an der Erde haften bleiben, noch mit vergeblichen
Flügelschlägen über sie hinaus streben. Wir werden Leuten gleichen, die zwar
auf der Erde wohnen, aber wissen, daß der Himmel sich über ihnen wölbt und
sie dieses Himmels innerlich gewiß werden können."
Genug, unsere Religion ist nicht Wissens-, sondern G ewisse ns fache,
und es gibt keinen anderen Weg zur Erkenntnis Gottes, als den praktischen,
ethischen, den Jesus vorzeichnet Joh. 7, 17: „So jemand will des Willen tun,
der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selber
rede". Daß dieser alte und echte Beweis des Christentums wieder neu zu Ehren
gebracht und wissenschaftlich festgelegt ist, das haben wir Kant zu danken.
Profesior Herrmann erblickt in Kants „Trennung der theoretischen Erkenntnis
von der sittlich bedingten Überzeugung gerade den Freibrief für die aus den
Fesseln philosophischer Weltanschauung erlöste Theologie."
Kants sittlich-religiöse Persönlichkeit — und damit kehren wir zu unsrem
Anfang zurück — ist aus dem Pietismus hervorgegangen. Vom Pietismus
zum Moralismus der Aufklärung war nur ein Schritt; der Übergang ist nicht
nur bei Kant aufzuweisen. Wie sehr Kant den seichten Rationalismus der Auf
klärung verinnerlicht und vertieft hat, eben auf Grund seiner ernsteren Erfassung
der sittlichen Tatsachen und Probleme, haben wir gesehen. *) Wir haben daneben
auch seine Schranken gesehen, seine Verständnislosigkeit für die Geschichte, die
geschichtliche Grundlage des Christentums. Darin zahlte er seiner Zeit den
3 Vorländer berichtet darüber: Die Vertreter der vulgären Aufklärung, deren
Haupttypus der bekannte Nicolai darstellt, hatten vorher schon Anlaß genug zum
Grimm auf den Philosophen gehabt, der ihnen anfangs einer der Ihrigen schien.
Seine Kritik der reinen Vernunft hatte ihre schönen Beweise für das Dasein Gottes
zerstört, seine praktische Vernunftskritik ihre eudämonistische und utilitaristische Ethik
siegreich überwunden, seine Kritik der Urteilskraft ihren flachen Kunsttheorien ein Ende
bereitet. Jetzt waren sie von neuem unzufrieden, daß der kritische Philosoph nicht
gleich ihnen mit alledem in Christentum und Bibel aufgeräumt hatte, was über die
Richtschnur ihres „gemeinen Menschenverstandes" ging. So schrieb die Neue Allge
meine Deutsche Bibliothek in einer Besprechung der zweiten Auflage der Religion
innerhalb etc.: „Es muß also nach Kants Meinung in Sachen des Kirchenglaubens
alles recht hübsch beim alten bleiben, und die Stützen des religiösen Aberglaubens
können nicht abgeschafft, sondern müssen als die unentbehrlichen Fundamente einer
moralischen Religion immer beibehalten werden."
12*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.