Die Ursachen des Lehrermangels.
165
Alle Regulative und Verfügungen und Verordnungen zielen darauf hin, den
Schulwagen allenthalben, ohne jede Achtung vor bewährten Einrichtungen, auf
das normalspurige Geleise des alleinseligmachenden Verwaltungsmechanismus zu
bringen. Das vereinfacht natürlich das „Verfahren" von oben her in erheblichem
Maße. Wie es nach unten wirkt, das ist Nebensache: ob's den Lehrer als den
Vertreter der Schule am Orte zum Verwaltungsmanne stempelt und ihm die
dem Lehrer so bitter nötigen und zu einer gesegneten Tätigkeit unentbehrlichen
Sympathien der Familien raubt, wer kümmert sich, darum? Und ob eben da
durch, daß das dringend notwendige Moment gegenseitigen Vertrauens zwischen
dem Lehrer und den Familien verloren geht, der Unterricht schließlich auf eine
seelenlose Schulung hinauskommt ohne wahrhaft erziehliche Bedeutung für das
Kind, ob die Volksbildung verkümmert, wer fragt danach? Einsichtige, ältere
Lehrer machen kein Hehl daraus, daß die Leistungen der Schulen früher ungleich
bedeutender, besonders in erziehlicher Hinsicht, und die Nachwirkung der Schul
bildung viel bemerkbarer gewesen sei als heute. Die allgemeine Klage über die
Verwahrlosung der Jugend ist der lauteste und deutlichste Beweis dafür, daß
unter der Entwicklung der Schule in den letzten Jahrzehnten die „Erziehung"
gelitten hat.
Heute läßt sich deutlich erkennen, daß mit der fast restlosen Beseitigung
der Selbstverwaltung auf dem Schulgebiete wertvolle sittliche Faktoren ver
loren gegangen sind. Es gab beispielsweise im Rheinland vor 40 Jahren
blühende Schulwesen eigner Art, deren Segen noch heute in der Bevölkerung
bemerkbar ist, blühend nicht zum wenigsten deshalb, weil sie durch die Selbst
verwaltung den nötigen moralischen Rückhalt in der Gemeinde hatten und von
dem Gemeinbewußtsein getragen wurden. Der bekannte Dörpfeld hat die alt
herkömmliche Schulgemeinde des bergischen Landes geradezu als Muster einer
friedlichen, gerechten, gesegneten Schulverfassung hingestellt und ein Menschenalter
hindurch literarisch verfochten, weil dabei der „Erzieher" im idealen Sinne zur
Geltung kommen konnte. Man mag darin patriarchale Rückständigkeit erkennen;
die Tatsachen bleiben bestehen, daß in diesen Tagen der Selbstverwaltung, die
durchaus nicht reine Willkür bedeutete, der Schule ein ganz anderes moralisches
Gewicht im Volksleben innewohnte, der Erzieherberuf ganz anders zur Entfaltung
und auch zur Würdigung kam und daher befriedigender, erfreulicher war als in
unserer reglementierfrohen Zeit.
Heute ist die Selbstverwaltung im Schulwesen bis auf einige Reste beseitigt.
Die Schulvorstände sind zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken, aller nennens
werten Rechte entkleidet, wo sie nicht, wie in vielen Städten, überhaupt aufgelöst,
und ihre Funktionen einer allgemeinen kommunalen Schuldeputation übertragen
sind. Dadurch ist dann das durch den örtlichen Schulvorstand gewahrte Interesse
der Einzelschule beseitigt und dem allgemeinen Schulinteresse untergeordnet, der
letzte Verbindungsfaden zwischen Schule und „Schulgemeinde" zerschnitten, über
haupt die „Schulgemeinde" beseitigt. Aber nun wickelt sich alles glatt ab: Die
Schule läßt sich restlos ins bureaukratische Verwaltungssystem einfügen. Die
Aufsicht über den Unterricht führt der Staat, die Beschaffung der Mittel liegt
der Kommunalgemeinde ob; und der Lehrer — ist nach beiden Seiten aus
geliefert, ohne daß ihm der nötige Rückhalt für sein Amt in einer örtlichen
Körperschaft, der die Schulpflege obliegt, gewährleistet ist. Man kann deshalb
getrost und ohne Übertreibung behaupten, daß der Beruf des Lehrers, abgesehen

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.