170 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
haben in Zeiten der Not, aber die gepflegt sein wollen in Zeiten des Friedens.
Wenn wir uns indes von Jugend auf in zwei Volksteile scheiden, dann schwindet
unser nationales Bewußtsein. Darum ist es vom nationalen Standpunkte aus
verkehrt, die Kinder von Jugend auf zu scheiden. Aber es kommt noch ein
anderes in Betracht. Die Eltern, die ihre Kinder nicht mehr zur Volksschule
schicken, die sie von vornherein für eine Standesschule bestimmen, verlieren jedes
Interesse an der Entwicklung der Volksschule. Die Volksschule soll von Leuten
gepflegt werden, die sie kennen, die zu ihr eine eifersüchtige Liebe haben, denn
für sich selbst betrachtet, bietet sie wenig, was in die Augen springt. Man kann
mit den Arbeiten in der Volksschule nicht so prangen, wie mit den Leistungen
in den Gymnasien oder Realschulen. Man kann die Arbeiten nicht so glänzend
hinstellen als die Arbeit, welche Lehrer mit fremden Sprachen oder höherer
Mathematik oder tieferen Naturwissenschaften erreichen. Es ist eine mühselige
Arbeit an den Kindern der breiten Masse, und diese Arbeit verliert gar zu leicht
bei denen an Ansehen und Pflege, die nach ihrer ganzen Stellung im Leben
berufen sind, die Volksschule zu pflegen. Alle unsere Güter, die wir geschaffen
haben, geistige und materielle Güter, beruhen ja freilich auf der geistigen Kraft
hervorragender Männer, aber was nicht zu unterschätzen ist, sie beruhen auch'^auf
der Arbeitskraft des gemeinen Mannes. Und wenn unser Vaterland einst in
Gefahr steht, dann kann uns nicht allein die Schar tapferer Offiziere helfen,
sondern es müssen auch kräftige Männer da sein, die mutig ihr Leben hingeben
für das höchste, das wir besitzen, für unser Vaterland. Darum muß unsere
Volksschule gepflegt werden, daß die Lehrer den Gedanken in die Jugend hinein
tragen, daß auch die Schüler für das Vaterland das letzte hingeben. Und dieser
Grund gibt den hohen Ständen die Pflicht und Schuldigkeit, für die Entwicklung
unsrer Volksschule mit allen Kräften zu arbeiten.
Daun bildet die Vorschule aber auch eine große Gefahr. Wenn es so leicht
ist, in die Vorschule zu gelangen, dann kommen Kinder in dieselbe, die nicht
hineingehören. Sie werden hineingebracht, weil es die liebe Eitelkeit verlangt.
Es wird nicht gefragt, ist dem Kinde der Unterricht zuträglich, sondern es wird
danach beurteilt, weil der Vater oder die Familie eine angesehene Stellung ein
nimmt. Deshalb müssen die Kinder die Vorschule oder höheren Schulen besuchen.
Wenn das nun diejenigen Stände tun, die sich das leisten können, ist es wohl
schlimm, aber es ist das ihre Sache. Es kommt aber auch vor, daß der mittlere
Bürgerstand es ebenfalls den Reichen nachmacht und ebenfalls seine Kinder in die
Vorschule oder höheren Schulen schickt, trotzdem sich die einzelnen bei vernünftiger
Überlegung sagen müssen, für den großen Teil dieser Kinder bietet nur die
Volksschule Gewähr, daß sie eine abgeschlossene Bildung bekommen. Nun wird
das Kind durch die höheren Schulen gejagt und bleibt in irgend einer Klasse
hängen. Die Bildung wird natürlich nicht abgeschlossen. Der Entlassene hat
von sich die Meinung, was für ein tüchtiger Mann er wäre, er hat ja die
höhere Schule besucht. Diese Leute sind im praktischen Leben nicht zu gebrauchen,
man kann sie nirgendwo so anstellen, daß sie ihren Platz zur Zufriedenheit der
Vorgesetzten ausfüllen. Ebenso scheuen sie sich vor körperlicher Arbeit. Sie
trauen sich nicht, ein Handwerk zu lernen. Aus diesen Leuten entstehen die
unzufriedenen Existenzen, die für unser Volksleben den größten Schaden bilden.
Dieser Grund ist so schwerwiegend, daß er gerade unsere Verwaltungsbehörde
veranlassen müßte, die Vorschule abzulehnen.

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