Die Not der evangelischen Volksschule in Östreich. 173
der gesamten Kaplanspresse unterstützt wurde, die selbst die schlimmsten Verbrechen
der „Neuschule" in die Schuhe zu schieben wußte. — Wohl begrüßte die evan
gelische Kirche das Gesetz im Interesse der gesamten Volksbildung ebenfalls mit
Freuden, da nun endlich die allgemeine achtjährige Schulpflicht eingeführt wurde,
aber man war doch von vornherein bange um die eigenen Schulen, die man
überall mit Mühe ins Leben gerufen und die bei dem gesamten Volke in gutem
Ansehen standen. Sie wurden durch das Gesetz um ihres konfessionellen Charakters
willen zu „Privatschulen" degradiert und erhielten keine Zuschüsse mehr, wohl
aber sollten die evangelischen Bürger an der Unterhaltung der paritätischen Schule
mithelfen. Die Folge war, daß mehr als 90"/« der evangelischen Schulen ein
gingen, so auch in der Stadt Laibach, wo die kleine evangelische Gemeinde ihre
evangelische Schule als ein Kleinod von 1855—1889 gehalten hatte, durch die
finanzielle Not aber nun zur Aufgabe gezwungen wurde. Was sie verloren,
mußten sie bald zu ihrem Schrecken merken. Dem klerikalen Ansturm war es
endlich gelungen, 1883 in einer neuen Schulnovelle eine erste Bresche in das
Gesetz von 1869 zu legen. Diese Novelle stellte nämlich die ganz unverfänglich
scheinende Forderung auf, daß der Schulleiter stets der Konfession der Mehrheit
seiner Schüler angehören niüsse. Das war natürlich mit wenigen Ausnahmen
in Obersteiermark und Kärnten überall die katholische Konfession, und so waren
mit einem Schlage auch die tüchtigsten evangelischen Lehrer von der leitenden
Stellung ausgeschlosien. Selbstverständlich kam man auch bald dahin, daß man
die „gut" katholischen Lehrer bevorzugte bei der Besetzung der ersten Stellen
und damit den klerikalen Einfluß außerordentlich stärkte. Und noch ein zweites
Loch bohrte man ins Gesetz. Man brachte den Religionsunterricht ganz unter
den Einfluß der Kirche. Es sollten nur vom Bischof bestätigte „Katecheten"
denselben erteilen, und das konnten natürlich nur die Geistlichen. Sie domi
nieren nun vollständig im Schulkollegium; hinter ihrem Unterrichte muß alles
andere zurückstehen. So konnte es vorkommen, daß in der Handarbeitsstunde
Katechismus gelernt werden mußte; ist Religionsunterricht am nächsten Tage, so
muß schon am Tage vorher darauf Rücksicht genommen werden. Das neue
Schuljahr beginnt mit einem feierlichen Heiligen-Geist-Amt, woran alle Lehrer
und Schüler teilnehmen müssen; in der Gesangstunde werden Meßlieder eingeübt;
wenn die Sterbeglocke ertönt, sollen Sterbegebete gesprochen werden; der Unterricht
beginnt mit dem Vaterunser und dem englischen Gruß. Als Fleißkarten erhalten
die evangelischen Kinder, die das alles über sich ergehen lassen müssen, allerdings
nicht gerade Heiligenbildchen, aber in ihrer Manier hergestellte Bildchen vom
Heilande.
Das Vertrauen der evangelischen Kreise, daß man in der interkonfessionellen
Schule wirklich tolerant und gerecht auch ihren Kindern gegenüber verfahren
würde, ist schwer getäuscht worden, es ist in der Schule eine nahezu vollständige
klerikale Gestaltung des Unterrichts und der Erziehung zur Herrschaft gelangt,
die evangelischen Schüler werden weder in der praktischen Schularbeit noch in
den Schulberichten besonders berücksichtigt. Welche innere Stellung die in
Östreich gerade häufigen Lehrerinnen einnehmen, zeigt treffend ein Brief einer
vor dem Examen stehenden Schulamtskandidatin:
Mein lieber, guter, heiliger Antonius! Du mußt für uns bitten, uns eine
gute Prüfung erbitten. Heiliger Antonius, laß Dich nicht beschämen, ich rufe
zu Dir. Heiliger Antonius, laste die vielen Seufzer nicht unerhört! O hilf!

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