Rundschau.
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zu üben oder nicht. Das war meiner Ansicht nach gegenüber der allgemeinen Bedeu
tung dieser Frage nicht angebracht; es wäre richtig gewesen, wenn diese Behördentzsich
der Zustimmung der Zentralinstanz, insbesondere der vorgesetzten Aufsichtsbehörde, also
des Evangelischen Oberkirchenrats versichert hätten. Auf diesem Wege ist eine über
flüssige Beunruhigung in die beteiligten Kreise gebracht worden. (Abgeordneter
v. Czarlinski: Ordnung ist die erste Bürgerpflicht!)
Außerdem frage ich: Ist es wolgetan, an Einrichtungen zu rütteln, die seit
Dezennien bestehen, die sich bewährt haben, die auch, wie ich glaube, nicht entbehrt
werden können, solange nicht ein einheitliches Institut an die Stelle treten kann, welches
im vollen Umfange mit den Mitteln ausgestattet ist, um diese Aufsicht zu ersetzen? Nach
der Verfassung sind die Kirchengesellschaften berechtigt zur Leitung des Religions
unterrichts in den Schulen. Schon daraus ergibt sich ein notwendiger Zusammenhang,
der nicht ohne weiteres getrennt werden kann. Ich gebe zu, daß in einzelnen Landes-
teilen unter gewissen Voraussetzungen und namentlich da, wo die Industrie sich sehr
ausgebreitet hat oder zu große Pfarrbezirke vorhanden sind, und wo durch soziale
Aufgaben die Tätigkeit der Pfarrgeistlichen sehr in Anspruch genommen ist, als Ersatz
dafür eine örtliche anderweitige Schulinspektion eingerichtet werden muß. Im übrigen
habe ich, was meine Person anbetrifft, nicht die Absicht, in der bisherigen Art der
öffentlichen Schulaufsicht eine umfassende Änderung eintreten zu lassen. (Hört, hört!
links.) Ich habe in der Hinsicht auch hier Erklärungen, soweit es sich um die Kreis
schulinspektion handelt, abgegeben, die zur Beruhigung beigetragen haben.
Was die Frage der Kreisschulinspektoren betrifft, so liegt sie wesentlich anders,
und die Unterrichtsverwaltung ist genötigt, Jahr für Jahr von Ihnen neue Kreis
schulinspektorstellen im Hauptamt zu erbitten. Das liegt an den Verhältnissen, die ich
eben hervorgehoben habe. Ferner ist die Aufgabe der Kreisschulinspektoren eine wesentlich
technische. Insofern ist die Tatsache doch anders zu beurteilen. Was die Lokalschul
aufsicht betrifft, so sehe ich nicht ein, warum nun künstlich dieser Zersetzungsprozeß
beschleunigt werden soll, der einerseits den kirchlichen Interessen nicht entspricht, aber
auch den von mir zu wahrenden unterrichtlichen Interessen nicht, zumal wir in weiten
Landstrichen nicht in der Lage sind, die durch die Geistlichen zu übende und an sich
nicht zu entbehrende Aufsicht durch andere Kräfte zu ersetzen."
Im weiteren Verlaufe der Debatte meinte ein katholischer Geistlicher (Dr, Glatt-
felter), der ganz auf dem Standpunkt des Ministers stand, zur Erfüllung vieler Ob
liegenheiten des Lokalschulmspektors gehöre bloß ein gesunder Menschenverstand. Da
das Lehrziel gegeben sei, so gehöre auch keine besondere methodische Kenntnis dazu,
um zu erkennen, ob nun der Lehrer das vorgeschriebene Lehrziel erreicht habe. Das
sind eben die Leute, für die es auf dem Schulgebiete keine „eleusinischen Geheim
nisse" gibt.
Auf eine dem Gegenstände angemessene geistige Höhe führte dann aber die Rede
des Pfarrers Dr. Hackenberg, der die geistliche Ortsschulaufsicht als eine veraltete,
eine unnötige und unzweckmäßige Einrichtung kennzeichnete, der hervorhob, daß
eine gerechte Regelung der Aufsichtsfrage auch im kirchlichen Interesse geboten sei.
Auf den scharfen Tadel des Ministers ist bereits von einer der beteiligten Stellen
eine Antwort gegeben worden. Das Presbyterium der evang. Gemeinde zu St. Johann
(Saar) hat folgenden Beschluß gefaßt, der den sämtlichen rheinischen Presbyterien zu
gesandt werden soll: „Das Presbyterium uimmt Kenntnis davon, daß der preußische
Kultusminister Dr. Studt in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 21. Februar d. I.
es angezeigt gefunden hat, dem Konsistorium der Rheinprovinz seine Mißbilligung
darüber auszufprechen, daß dasselbe in dem Proponendum für die Verhandlungen der
rheinischen Kreissynoden für das Jahr 1904 die Frage der geistlichen Ortsschulaufsicht
zum Gegenstand der Beratungen gemacht hat. Aus diesem wohl ohne Vorgang da
stehenden Urteil des Ministers über innere Maßnahmen einer provinziellen Kirchen
behörde entnimmt das Presbyterium die Besorgnis, es könne seitens des Herrn Ministers
die weiter gehende Neigung bestehen, gegebenenfalls auch den freien Gedankenaustausch
der Synoden über schwerwiegende Kirchen- und Schulfragen sowie die spontane Lebens
betätigung der Gemeindeorgane auf dem Gebiete der religiös-sittlichen Volksbildung
seiner Zensur zu unterstellen. Das Presbyterium ist von der Überzeugung durch
drungen, daß die Beurteilung religiöser, auf Entscheidung drängender Gewiffens-
angelegenheiten nicht von den Gesichtspunkten formalistischer Bedenken oder äußerer
Opportunitätsrücksichten aus erfolgen darf, auch die vorhandenen tiefgehenden Differenzen

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