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I. Abteilung. Abhandlungen.
viel Menschen haben gerade in der Zeit des Werdens und Schwankens in ihm
Halt und Stütze gefunden! Wie vielen ist das Erhabene des sittlichen Kampfes
erst durch ihn aufgegangen! Und wie viele endlich haben gerade durch sein
Vorbild das Gemeine für immer verabscheuen gelernt! Es liegt eine gewaltige
volkserzieherische Macht in Schillers Dichtungen. Wir alle, die wir seine Schüler
waren und noch sind, wir erinnern uns wohl mehr als einer Stunde aus unserm
Leben, wo wir, berauscht von dem Glanz seiner Diktion, von der Kraft seiner
Bilder, von der hinreißenden Gewalt seiner Ideen, den Entschluß faßten, bester,
freier zu werden. Und wie beglückend war das Gefühl, unter der Führung
seines Geistes die sittlichen Kräfte wachsen zu fühlen!
Was ist es nun kurz, das sich durch die gesamte Schillersche Dichtung
hindurchzieht? Kühnes, unerschrockenes Eintreten in den Kampf um die teuersten
Güter, unermüdliches Ringen um die höchsten Ideale, machtvolles Ausgreifen
nach dem, was da vorne ist. — Ja, es liegt was Großes in diesen
Dichtungen.
Und dabei verlief sein Leben so, daß ihm dieser Kampf unendlich erschwert
wurde, erschwert durch die Ungunst der Verhältnisse und den kleinlichen Sinn
einflußreicher Zeitgenossen. Eingeengt in seinem Schaffen und Streben; in ein
Studium hineingezwängt, zu dem er keine Neigung hatte, konnte er als Eleve
der Stuttgarter Militärakademie nur mit Aufbietung aller Kräfte die reichen
Gaben entfalten, die ihm von Gott verliehen waren. Karl Eugen war seinen
Zöglingen kein Tyrann — es sind tüchtige Männer aus seiner Anstalt hervor
gegangen —, aber Schillers Geist verlangte mehr, als dieser Fürst zu geben
vermochte. In Oggersheim und Bauerbach mußte er sich als Flüchtling verborgen
halten; in Mannheim kämpfte er unter stetem Druck finanzieller Schwierigkeiten
um seine Existenz; in Leipzig und Gohlis, in Dresden und Loschwitz war e»
auf die Gastfreundschaft eines Wohltäters angewiesen. Und in Jena und Weimar
endlich drückte ihn, nachdem er im Vergleich zu seinem bisherigen unstäten Leben
einen sichern Port erreicht hatte, ein langes Siechtum körperlich nieder, ohne
allerdings seinem Geist auch nur die Spur der alten Energie zu rauben. Nach
reichlich einem Jahrzehnt aber machte es seinem irdischen Dasein ein Ende.
Doch fehlt es bei all den Sorgen und Kämpfen nicht an köstlichen Gütern.
Seiner Jugend war ein Freund beschicken, voller Aufopferung und Hingabe,
treu wie Gold: Andreas Streicher; zur Zeit der geistigen Reife stand ihm der
abgeklärte, feingebildete Körner zur Seite, der für sein Schaffen von ganz
eminenter Bedeutung gewesen ist; in Rudolstadt fand er seine Lotte, jene edle
Frau, die ihm in unerschütterlicher Treue zugetan war bis zum letzten Atemzug,
und in Weimar schloß er den Herzensbund mit Goethe, der nicht seinesgleichen
in der Geschichte der Literatur hat.

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