Schillers Dichtungen.
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Auf dem Boden dieser bewegten Lebensschicksale ist nun all das Große
entstanden, das er unserm Volk als unvergleichliches Vermächtnis hinterlassen hat.
Diese Lebensschicksale treten uns vor Augen, wenn er in revolutionärem Drang
wild und trotzig einer Welt entgegentritt, die nicht nach seinem Sinn war; sie
treten uns entgegen, wenn er aufjauchzt in seliger Lust und alle Guten, alle
Edlen wonnetrunken an sein Herz zieht; sie geben auch seinen letzten Dichtungen
die wunderbare Ruhe und Höhe, die wir immer wieder aufs neue an ihnen
bewundern.
Doch werfen wir ein paar Blicke auf seine wichtigsten Dichtungen. Was
waren sie seiner Zeit? Was sind sie uns? Was werden sie dem deutschen
Volke immer bleiben?
Zunächst seine Jugenddramen.
Es ist schwer, sich ein deutliches Bild zu machen von all den Umständen,
die es erklären, wie ein Stück wie die „Räuber" damals zünden konnte, zünden
mußte. Die dumpfe Gewitterstimmung, die der französischen Revolution
vorausging, lag bereits über den Gemütern. Wer von der höhern Gesellschaft
sprach, sprach von Schurken und Heuchlern. Brutale Gewaltakte der Machthaber
halten keinen geringen Unmut hervorgerufen, der hier und da schon in offenen
Trotz überzugehen drohte. Da erschienen die „Räuber". Die Sturmglocke war
gezogen, die Fahne war entrollt: die Jugend jauchzte und scharte sich zusammen.
Was man in Wirklichkeit nicht hatte, was man heiß ersehnte, in der
Dichtung war es da: offner, rücksichtsloser Kampf der Niedertracht und
Schurkerei. Der Rufer im Streit war erschienen. Der Kampf war berechtigt,
war sittlich — sittlich und wenn er durchs Verbrechen ging.
Diesen Zeitideen, die in außerordentlicher Schärfe hervortraten, ist ein gur
Teil der Wirkung der Dichtung zuzuschreiben. Aber außer diesem stofflichen
Interesse war es doch auch der gewaltige dramatische Wurf, war es die geniale
Behandlung des Stoffes, was die Herzen im Sturm ergriff. Hier war drama
tische Aktion, folgerichtige Handlung, kühne Komposition, eine gewaltige Wucht
der Sprache und ein hinreißendes sittliches Pathos. Und das ist's denn auch,
was dem Stücke künstlerischen Wert verleiht. In mehr als einer Hinsicht hat
Schiller in seinen späteren Stücken die „Räuber" übertroffen. Er hat sie nicht
übertroffen im kühnen Wurf der Handlung, in der ursprünglichen Kraft der
dramatischen Aktion, kaum auch in der charakteristischen Zeichnung der Neben
figuren; er hat sie aber übertroffen dadurch, daß er alles wüst und toll Dahin
stürmende ablegte, daß er den Hauptcharakteren nicht mehr den Stempel des
Monströsen aufdrückte und — was auch nicht ohne Belang ist — in der Wahl
seiner Stoffe — vom künstler ischen Standpunkt aus geurteilt — glück
licher war.

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