Schillers Dichtungen.
189
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such ihn überm Sternenzelt!
Über Sternen muß er wohnen.
Er wendet seine Augen zu dem ewigen Licht, und die Strahlen dieses
Lichts erfüllen seine Seele. — Konnte ihm dies Neue, Beseligende dauernde
Ruhe geben? — Wir wissen: er ist sein Lebenlang ein Suchender geblieben.
In dieser Periode vollendete Schiller seinen „Carlos". Der Dichter hat
sich bekanntlich in den Briefen über „Don Carlos" große Mühe gegeben nach
zuweisen, daß es sich in dem Stück nicht um das Verhältnis zwischen Freund
und Freund handle. So richtig das einerseits ist, so läßt sich doch andrerseits
auch nicht verkennen, daß dies Verhältnis nicht gerade zum Unwesentlichen des
Dramas gehört. Eine freie, volle Hingabe des Freundes an den Freund zu
zeigen, war Schiller in dieser Zeit geradezu ein Bedürfnis. Die eigentliche
Idee des Stückes ist freilich in dem Kampf zwischen dem Weltbeglücker und dem
Despoten zu suchen. — Der Läuterungsprozeß des Dichters ist schon weit fort
geschritten. Aus der demokratischen Freiheit, die rücksichtslos von unten herauf
erkämpft wird, ist eine andere getreten, die freiwillig als schönes, beglückendes
Geschenk verliehen wird. Der Verfasser der «Räuber" konnte sich unmöglich mit
Abscheu von der französischen Revolution abwenden, der Verfasser des «Carlos"
mußte es.
Die Gedichte der 2. Periode zeigen die denkbar schroffsten Übergänge in der
Stimmung, Übergänge, die fast rätselhaft erscheinen und nur zum Teil erklärt
werden können durch die Einwirkung der philosophischen Studien des Dichters
auf seine poetische Produktion. Die Resignation zeigt den vollständigen Zusammen
bruch der großen Ideale, die sein Herz erfüllt hatten. Es gibt kein Diesseits
und Jenseits, nur ein Diesseits oder Jenseits. Wer das eine will, muß auf
das andere verzichten, und sichrer ist's, das Diesseits zu erwählen. Hätte sich
der Dichter nicht wieder aufzuraffen vermocht, so wäre das Ende Zerrissenheit
und Verzweiflung gewesen. Aber schon die „Götter Griechenlands" zeigen ein
rüstiges Aufwärtsstreben. Es gibt begeisterte Anhänger Schillers, die ihm dies
Gedicht nicht verzeihen können, es gibt andere, die durch mehr oder minder
gewagte Auslegungskünste die schlimme Sache zu mildern suchen. Hier ist nichts
zu mildern: in dieser Periode hat Schiller mit dem Christentum gebrochen —
aber nicht mit dem Christentum überhaupt, nur mit dem, das er in der damaligen
rationalistischen Zeit kennen gelernt hatte. Was war ihm ein Gott, der nur
ein Postulat der Vernunft war?
„Uns blieb nur das entseelte Wort." Er verlangte nach persönlicher,
lebendiger Verbindung mit dem Göttlichen, und da erschien ihm jene Zeit der
Alten so selig, wo alles den suchenden Blicken eines Gottes Spur aufwies. Die
„Götter Griechenlands" lassen einen tiefen Blick tun in die ringende, Befriedigung

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.