19
Die bildende Run st in der Volksschule.
Von pfr. Rosen er in Huersen bei Bückeburg.
I.
Neue Bestrebungen und Geistesrichtungen wird man nur dann in rechter
Weise verstehn und würdigen können, wenn man versucht, sie in den großen
Zusammenhang der Weltanschauung und der Geistesentwicklung eines Volkes ein
zugliedern. Unser deutsches Volk kommt aus der Schule des Materialismus, jener
Weltanschauung, die sich wohl zurückführen ließe auf die zwei Sätze: „Ich habe den
menschlichen Körper durchsucht bis auf die feinsten Primitivfasern des Nervensystems,
aber keine Seele gefunden, —ich habe mit allen Mitteln der Wissenschaft den Welten
raum durchmessen, aber nirgends einen Gott gefunden: ich habe nichts gefunden als
die Materie, Ls gibt nichts als die Materie." So wenig diese Anschauung mit
ihren Voraussetzungen und Folgerungen vor der Wissenschaft bestehen kann, so
sehr mußte sie in ihrer Einfachheit der großen Masse einleuchten. So hat sie
in der Wissenschaft auch nur einen flüchtigen, geraubten Triumph gefeiert, im
Volke aber zu einer Welt- und Lebensanschauung sich verdichtet, so sehr, daß sie
auch als Intellektualismus die Erziehung und als Naturalismus Kunst und
Literatur beherrschte. Die Emanzipation der Vernunft führte zur Emanzipation
des Fleisches. Aber gerade die Praxis mußte ad absurdum führen. Was
kann denn einem aufstrebenden Volke — wie es das deutsche gerade in der
Gegenwart ist — eine Weltanschauung bieten, die eine Verneinung aller höheren
Lebenskräfte und Kulturwerte bedeutet, was kann sie auch nur dem Einzelnen
bieten an treibenden Kräften, wo sie jeden Zweckbegriff aus der Welt und
Menschheit ausscheidet!
Und so sind denn die lebensfähigen Bildungsschichten unseres Volkes des
Materialismus auf allen Gebieten satt. Das nüchterne Wissen allein macht
keinen glücklich. Die blinde Kausalität allein gibt nicht die Freiheit, die man zu
finden meinte. Die Seele schreit nach Brot, das Gemüt dürstet. Man möchte
wieder wünschen, glauben, hoffen. Man sucht Ideale!
Das christliche Ideal nun kommt für dieses Geschlecht nicht in Frage, zu
mal das Christentum nach dem allzuweit verbreiteten Vorurteil ihm als eine
rein aufs Jenseits gerichtete, asketische, kulturfeindliche Anschauung erscheint. An
den Himmel kann es noch nicht wieder glauben, aber an den Menschen möchte
es wieder glauben. Und vor seinem sehnsuchtsvollen Blick ersteht jene Zeit der
italienischen Renaiffance, die den Kult des Menschen, der Individualität zur
höchsten Blüte brachte. Die Kunst in der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte,
die Lebenskunst, die „diese Welt zu einem schön belebten Wohnort für die
selber in Schönheit vollendete Menschheit macht", soll die Religion ersetzen.
2*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.