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I. Abteilung. Abhandlungen.
ersehnende Seele des Dichters. — Die „Künstler" werden heute nicht mehr
viel gelesen, was zum Teil wenigstens auf das Geschraubte und Gewundene in
der äußeren Form zurückzuführen ist.
Schiller hat dem Sturm und Drang seinen Zoll ausgiebig entrichtet. Alles,
was innerhalb der beiden ersten Perioden seines Schaffens liegt, trägt mehr
oder weniger deutlich den Stempel der Genieperiode. Die „Künstler" sind frei
davon, aber sie erschienen auch erst 1789, also in einer Zeit, wo der Dichter
bereits mit ästhetischen und philosophischen Studien eifrig beschäftigt war. — Der
ganze Zeitraum vom Erscheinen des Carlos (1787) bis zum Musenalmanach
für 1796 (1795) bietet an poetischen Produktionen außer den „Künstlern"
und dem „Geisterseher" kaum etwas Nennenswertes. Die historischen, philoso
phischen und ethischen Studien und Veröffentlichungen nehmen seine ganze Kraft
in Anspruch. Ob sie für die dichterische Produktion von Segen gewesen sind?
Literarhistoriker von Ruf, in der Meinung, sie hätten ihn aus seiner natürlichen
Entwickelungsbahn herausgeworfen, haben das in der Tat bezweifelt. Und doch
muß man die Frage schlechterdings bejahen. Man muß sie bejahen im all
gemeinen, weil jeder Dichter durch Studien, wie die hier in Betracht
kommenden, gewinnen muß; man muß sie bejahen auch im besondern, weil
speziell Schiller nach dieser Zeit seinem Volk Werke geschenkt hat, die vielmehr
eine Steigerung als ein Erlahmen seiner schöpferischen Kraft erkennen lasien.
Überblicken wir nun kurz die einzelnen Dramen der letzten Periode.
Die Jahre 1798 und 99 brachten died rei Teile des „Wallenstein." — Das
furchtbare Drama, das sich auf dem Boden Frankreichs abgespielt hatte, war zu
Ende; die Tage des Schreckens für ganz Europa waren vorüber, aber ein Neues
hielt die Welt in Spannung. Ein einzelner hob sich immer deutlicher aus der
Masse heraus, schritt immer tollkühner vorwärts und riß ganze Völker in seine
wilde Bahn hinein, von der niemand zu sagen wußte, wo und wie sie einmal
endigen würde. Und gerade in dieser Zeit war es, als Schillers „Wallenstein"
über die deutschen Bühnen ging. Es ist wahr, was Vilmar sagt, daß die Wahl
des Stoffes allein schon Zeugnis genug ablege dafür, daß Schiller ein großer
Dichter sei. Die sich von selbst ergebende Parallele zwischen der Reformation
und Wallenstein einerseits und der französischen Revolution und Napoleon andrer
seits war auf die damalige Zeit von geradezu faszinierender Wirkung. Es ist
dies Zusammentreffen durchaus nichts Zufälliges, Äußerliches, nein, Schiller
verfolgte mit divinatorischem Blick die Zeitereignisse, und die führten ihn mit
der Notwendigkeit, mit der das Genie seine Stoffe ergreift, auf jene Zeit hin.
Welche Wirkung mußte das Stück ausüben, weil es den Sturz des Gewaltigen
aus den Tagen der Reformation darstellte in einer Zeit, wo der Mann der
Revolution bereits in der übermütigsten Weise an die Tore Deutschlands klopfte! —
Die Gestaltung des Stoffes zeigt in jeder Hinsicht den Dichter von Gottes

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