Schillers Dichtungen.
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Gnaden. Welche Einheit von der ersten bis zur letzten Szene trotz der großen
Ausdehnung! Alle Linien des grandiosen Bildes, in dessen Mittelpunkt der
Furchtbare steht, greifen kunstvoll ineinander, so kunstvoll, daß die einzelnen
Charaktere, an sich überaus typisch, in feiner Weise durch ihre Abhängigkeit
von dem Träger der Handlung modifiziert werden. — Die Idee des Stückes
wird für alle Zeiten menschlicher Anteilnahme sicher sein. Ein einzelner wird
durch die Macht der Verhältniffe und die Wucht seiner Persönlichkeit in einen Aus
nahmezustand versetzt, und indem er nun Ausnahmegesetze verlangt, begibt er sich
auf die Bahn, die ihn mit Notwendigkeit seinem Untergang entgegenführt. — Die
Diktion .hat allen Überschwang, alles Pomphafte und Schwülstige abgelegt: es
ist der glänzende, hinreißende Stil des gereiften Schiller, es ist die Sprache voll
Feuer, Kraft und Schönheit, die bisher wohl kaum von einem Dichter erreicht,
geschweige denn übertroffen worden ist.
Ein Jahr nach dem „Wallenstein" erschien „Maria Stuart". Dies Drama
kommt dem vor ihm erschienenen an Bedeutung nicht gleich. Daß es keinen
nationalen Stoff behandelt, hat mit dem künstlerischen Werte nichts zu tun; aber
auch als historisches Drama kann es kaum in vollem Sinne gelten. Das Stoff
liche ist zu episodenhaft geboten, die Charaktere sind zu sehr vom Gang der
Geschichte gelöst und auf sich selbst 'gestellt; es fehlt die große historische Tat,
die jenseits des Dramas liegt und sich nur in ihren Nachwirkungen hindurchzieht.
Was aber geradezu bewundernswert genannt werden muß, das ist das feine
Herausarbeiten der jedesmaligen Handlungsweise aus den Charakteren. — Die
Hereinziehung der Kommunion ist mit Recht oft getadelt worden — auch von
Goethe —, dagegen beruht der Borwurf, Schiller hätte eine gewisse Vorliebe für
das katholische Element gezeigt, auf völliger Unkenntnis dessen, was durch künst
lerische Forderungen geboten war. Das Drama würde, wenn der Vorwurf
berechtigt wäre, zu einem Tendenzstück erniedrigt, das es ganz und gar nicht ist.
Wieder ein Jahr später erschien „Die Jungfrau von Orleans". Die
Aufgabe, die sich der Dichter hier stellte, war überaus schwierig, und er durfte
an deren Lösung nur zu einer Zeit herantreten, wo er sich das Höchste zutrauen
konnte. Johanna ist die Inkarnation des Nationalitätsgedankens. Der Dichter
stellt sie dar, als das reine Weib, das seine Mission als Geschenk des Himmels
empfangen hat. Daß er dadurch die Handlungsweise auf religiöse Motive zurück
führt, hat man ihm arg verdacht. Und doch konnte er nach Anlage des Stückes
gar nicht anders verfahren, wenn er die Trägerin der Handlung psychologisch
nicht völlig unmöglich machen wollte. — Der Heldin sind überirdische Kräfte
verliehen, aber nur im Kampf mit den Feinden des Vaterlandes, nur in der
Richtung, in der ihre Mission lag, nicht im Kampf mit Fleisch und Blut. Hier
setzt das Tragische ein. Man hat oft gesagt, viel näher habe es gelegen, den
Fall der Jungfrau dadurch zu motivieren, daß sie, auf dem Gipfel ihrer Macht

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