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I. Abteilung. Abhandlungen
angekommen, weltlicher Ehre halber ihren himmlischen Beruf überschritten hätte. Nein,
in dieser Richtung war sie stark — aber sie war ein W e i b, das bedeutete ihren Fall.
Und als sie nun Brust an Brust mit dem starken Gegner rang, da fehlte ihr
zwar nicht die Kraft ihn niederzuschlagen, es fehlte ihr aber die Kraft zum
Entschluß: das Weib lag im Kampf mit der Heldin, und das Weib —
unterlag. — Das Stück ist in seiner Kraft und Zartheit von hinreißender
Gewalt, und solange der Nationalitätsgedanke in unserm Volke lebt, so lange wird
auch dies Stück lebendig bleiben.
Von allen Dramen aus der letzten Periode des Dichters ist „Die Braut
von Messina" am wenigsten ins Volk gedrungen. Das liegt zum Teil an der
Stoffwahl, hauptsächlich aber an dem Umstand, daß das Tragische auf dem
blinden Walten des Schicksals aufgebaut ist. Man hat sich zwar die größte
Mühe gegeben nachzuweisen, daß Schiller das Walten des Schicksals durchaus
nicht in grober Weise aufgefaßt habe — Scherer nennt das Stück das höchste
Werk reiner Kunst —, es bleibt dabei: „Die Braut von Messina" steht —was
die Idee anbelangt — nicht wesentlich höher als die späteren berüchtigten
Schicksalstragödien, die ja bekanntlich gerade durch Schillers Dichtung hervor
gerufen wurden. Der Verfasser lehnt sich in der Idee an den Ödipus von
Sophokles an, war aber dem großen Griechen gegenüber ungemein im Nachteil:
er hatte weder einen nationalen Stoff, noch einen mythologischen Hintergrund,
von dem sich das Schicksal abheben konnte. Während es die Alten als Fatum
an die objektive Tat, ohne Rücksicht auf subjektive Verschuldung anschlossen, löste
es Schiller zum Teil wenigstens von der Tat und stellte es mehr als Vorher
bestimmung auf sich selbst, wodurch es uns aber durchaus nicht näher gebracht
wird. — Sonst gehört das Stück allerdings, was dramatische Energie, Charakter
zeichnung und Diktion anbelangt, zu den besten, die Schiller geschrieben hat.
Das letzte vollständige Drama, das uns der Dichter hinterlassen hat, ist
der „Teil". Man sagt kaum zu viel, wenn man es nicht bloß als das bekannteste
Drama Schillers, sondern als das volkstümlichste Drama der Deutschen
überhaupt bezeichnet. Bei seinem Erscheinen mußte es naturgemäß eine
ähnliche Wirkung ausüben, wie einst „Wallenstein". Es half, wie Gottschall mit
Recht hervorhebt, den Sturz des französischen Unterdrückers beschleunigen. Daß
das Stück, wie oft tadelnd bemerkt 'worden ist, eine Tat verherrlicht, die eigentlich
gegen das Deutsche Reich gerichtet war, ist durchaus nebensächlich. Sie ist und
bleibt eine deutsche Tat, wenn auch nicht eine deutschnation ale. So hat
das Volk sie immer aufgefaßt, und so wird es sie auch in Zukunft auffassen.
Wenn man das Stück neben die Jugenddramen stellt, zu denen es in Hinsicht
des Stoffes gehört, so zeigt sich deutlich, wie weit der Dichter fortgeschritten ist.
Hier ist reine künstlerische Gestaltung, keine leidenschaftliche Teilnahme mehr für
den Helden. Daß es im „Tell" auch Punkte gibt, wo die Kritik einsetzen kann,

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