Schillers Dichtungen.
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ist selbstverständlich. Uns soll's heute nicht kümmern. D e r Tatsache aber wollen
wir noch gedenken, daß es das klassische Drama für die Jugend ist. Ein
Jahrhundert lang hat sich die deutsche Jugend nun um diesen tapfern Kämpfer
für Recht und Freiheit geschart und — will's Gott — wird sie's noch manch
Jahrhundert tun.
Wenn wir uns jetzt zum Schluß noch kurz zu den lyrisch-epischen Dichtungen
der letzten Periode wenden, so begeben wir uns auf ein Feld, das in der Literatur
ziemlich einzig dasteht, auf das Feld der vollendeten Gedankenlyrik. Nicht als
ob die Gedankenlyrik die höchste Form der Lyrik überhaupt sei, sie ist es keineswegs,
aber sie ist eine wahlberechtigte Form, und Schiller hat darin das höchste
geleistet. Einige dieser Gedichte sind Dramen im kleinen: Der Taucher, Der
Kampf mit dem Drachen, Die Bürgschaft u. s. w. Alles ist Leben, Vorwärts
streben, Kampf. Es gibt kaum bei irgend einem Dichter Seitenstücke für dies
harmonische Ineinandergreifen so glänzender Bilder bei gleicher Gedankenfülle und
gleicher dramatischer Kraft. In andern Stücken, die an Volkstümlichkeit den
genannten allerdings weit nachstehen, an künstlerischem Wert jedoch nicht, wendet
sich der Dichter antiken Stoffen zu, während er in einigen sehr bekannten Ge
dichten (Der Gang nach dem Eisenhammer u. a.) auch den schlichten Ton der
Romanze vortrefflich anschlägt. Der Zyklus von Lebensbildern, der in so feiner
Weise an die Handlung des Glockengusses angeschloffen ist, muß natürlich als
ein Kleinod unsrer lyrisch-epischen Poesie bezeichnet werden, dem bis jetzt nichts
an die Seite gestellt werden kann. Diese Dichtung müßte ungekürzt in
jedem deutschen Volksschullesebuch stehen, und jedes deutsche Kind müßte sie
in ihrer ganzen Schönheit kennen lernen. Die Gedichte, in denen die
Gedankenlyrik in ihrer reinsten Form ausgeprägt worden ist (Der Spaziergang,
Das Glück, Der Genius u. a.) sind zwar auch durchaus nicht volkstümlich, aber
sie gewähren dem, der dem ganzen Schiller näher gekommen ist, den höchsten
Kunstgenuß. Die Handlung tritt völlig zurück, der Gedanke steht im Vorder
grund ; aber trotzdem bieten sie — ein Geheimnis Schillerscher Schaffensart! —
keine Rhetorik im gewöhnlichen Sinn, sondern echte, große Kunst. — Welch
wunderbares Leben, welche Gedankenschönheit in all diesen Dichtungen! Und dann
wieder die Sprache! Diese Sprache voll Klang und Musik, die die feinsten
Nüancen wiederspiegelt, indem sie mit dem Bild zu einem fein abgestimmten
Ganzen verwächst; diese Sprache, die nur ein Schiller zu sprechen vermochte.
Nie alternd, nie verblassend, sind auch diese Schöpfungen Schillers heute noch
so schön, wie am ersten Tag. —
Wir stehen in diesen Tagen im Zeichen der Schillerfeier. Da kommt uns
das bekannte Wort in den Sinn, daß ein Volk sich selber ehrt, wenn es seiner
großen Toten gedenkt. Wenn je, dann trifft dies Wort bei Schiller zu. So
lange das deutsche Volk in seinen breitesten Schichten dieses Großen gedenkt; so

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