Schillers ethischer Idealismus.
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„Kein Mensch muß müssen," dies Wort des Nathan wird gemeinhin
als ein geistreicher Einfall aufgefaßt und — als solcher abgetan. Schiller erfaßt
die Paradoxie in ihrer ganzen Tiefe und macht sie zum Ausgangspunkt einer
seiner reifsten Abhandlungen, der Über das Erhabene. Er macht mit dem
Lessingschen Gedankenspiel vollen Ernst und gegenüber allem Widerspruch des
Augenscheins, ja der ganzen natürlichen Welt und allen zwingenden Mächten
behauptet er mit vollster Geistesenergie, der Mensch muß nicht müssen. „Alle
anderen Dinge müssen; der Mensch ist das Wesen, welches will."
Das Müssen ist die Ordnung für die Naturwesen, im W o l l e n liegt
die Erhabenheit des Menschen über die Natur, sein Menschentum, seine Freiheit.
Auch der Mensch ist Naturwesen und hat insofern auch Anteil an dem die ganze
Natur bezwingenden Müssen; auch er ist den Schmerzen, dem Schicksal, dem
Tode unterworfen. Aber er ist nicht bloß Naturwesen; er braucht nicht schlechthin
wie die anderen Dinge zu müssen, er kann sich innerlich über diesen allgemeinen
Zwang erheben, „aus der Natur heraustreten" und die „Gewalt, die er der
Tat nach erleiden muß, dem Begriff nach vernichten," indem er sich ihr frei
willig unterwirft. Wäre der Mensch keiner anderen Kultur als der physischen
fähig, so hätte er auch keine Freiheit; die moralische Kultur aber macht ihn dazu
geschickt, „ohne Ausnahme Mensch zu sein, also in keinem Fall etwas gegen
seinen Willen zu erleiden." „Der moralisch gebildete Mensch, und nur dieser,
ist ganz frei." Die Moral nennt diese Freiheitsgesinnung „Resignation in die
Notwendigkeit," die Religion lehrt sie „unter dem Begriff der Ergebung in den
göttlichen Ratschluß!"
Die „Willensfreiheit" ist also durchaus keine physische Ausstattung des
Menschen, keine angeborene Fähigkeit der absoluten Wahlfreiheit, des in jedem
Augenblick Auch-anders-Könnens, sondern eine moralische Qualität, die erst
durch sittliche Bildung entwickelt und erworben werden kann. Und zwar
kann die unerläßliche Kultivierung des Gemüts zu diesem idealistischem Schwünge
durch die Ausbildung einer in der menschlichen Natur vorhandenen ästhetischen
Tendenz unterstützt und gepflegt werden. Denn das geläuterte Schönheitsgefühl
wird „mehr von den Formen als dem Stoff der Dinge gerührt" und schöpft
aus der bloßen Reflexion über die Erscheinungsweise, ohne alle Rücksicht auf den
Besitz, ein freies Wohlgefallen. Ein auf diese Weise veredeltes „Gemüt trägt
in sich selbst eine innere unverlierbare Fülle des Lebens, und weil
es nicht nötig hat, sich die Gegenstände zuzueignen, in denen es lebt, so ist es
auch nicht in Gefahr, derselben beraubt zu werden." Ein solches ästhetisch
moralisch kultiviertes Gemüt wird dann auch immer unabhängiger von dem
Vorhandensein seiner moralischen Ideale; schwache Seelen sind es, die „immer
ungeduldig auf Existenz ihrer moralischen Ideale dringen," indem sie „der
Materie in moralischen und ästhetischen Dingen zu viel einräumen und die

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