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I. Abteilung Abhandlungen.
höchsten Charakter- und Geschmacksproben nicht bestehen werden." Die unerfüllte
Forderung muß das Gemüt eher stärken und in seiner Kraft befestigen als klein
mütig und unglücklich machen.
2. Schiller war Künstler durch und durch, Freude am Schönen war sein
Lebenselement. Die nüchterne rigoristische Strenge des Kantschen Pflichtbegriffs,
dem alle Grazien fehlten, mußte seinen feinen ästhetischen, aufs Harmonische
gerichteten Sinn verletzen. Und doch war er ein viel zu ethischer Charakter,
um nicht aufs innerlichste von Kants reiner Moral, die den einzigen Weg zur
wahren Freiheit zeigte, angezogen zu werden. Er kannte und wollte nichts
Schönes ohne das Sittliche. „Das Eigentümlichste des Schiller'schen Gedankens
liegt grade in der Art, das Schöne zum Sittlichen in Beziehung zu setzen"
(Kühnemann). Er mußte daher mit Kant sich nicht nur abfinden, auseinander
setzen, sondern auch mit ihm sich verständigen, um die Gemeinsamkeit der Idee
mit ihm ringen. Es gibt in den philosophischen Diskussionen keine reizvollere
als diese zwischen Schiller und Kant, und für das richtige Verständnis der
Kantschen Ethik, der ethischen Prinzipien überhaupt, ist diese ihre Bearbeitung
durch Schiller zugleich sehr wichtig.
Bekannt ist Schillers satirisches Distichon: „Gerne dien' ich dem Freund,
doch tu ich es leider aus Neigung; und so grämt es mich oft, daß ich nicht
tugendhaft bin." Die Spitze kann gegen niemand anders als gegen Kant gehen,
der vom Pflichtbegriff jede Neigung ausgeschlossen haben will. Dennoch ist
Schiller weit entfernt, sich zu dem Kantschen Rigorismus in Gegensatz zu setzen,
insofern dieser ein für allemal mit dem seichten Eudämonismus aufräumt, der
das Vergnügen zum Grunde des vernünftigen, also sittlichen Handelns macht.
Er sagt vielmehr ausdrücklich: „Daß die Moral selbst endlich aufgehört hat, diese
Sprache zu reden, hat man dem unsterblichen Verfasser der Kritik zu verdanken,
dem der Ruhm gebührt, die gesunde Vernunft aus der philosophierenden wieder
hergestellt zu haben." „Die Neigung ist eine sehr zweideutige Gefährtin des
Sittengefühls und das Vergnügen eine bedenkliche Zugabe zu moralischen Bestim
mungen." Der Glückseligkeitstrieb schadet jedenfalls der Reinheit des Willens.
„Nur diejenigen unserer Handlungen heißen sittlich, zu denen uns bloß die
Achtung für das Gesetz der Vernunft und nicht Antriebe bestimmen,
wie verfeinert diese auch seien und welch imposante Namen sie auch führen."
„Aber", wendet er nun gegen Kant in seiner Abhandlung über Anmut
und Würde ein, „wenn auch der Anteil der Neigung an einer freien Handlung
für die reine Pflichtmäßigkeit dieser Handlung nichts beweist, so glaube ich eben
daraus folgern zu können, daß die sittliche Vollkommenheit des Menschen
grade nur aus diesem Anteil seiner Neigung an seinem moralischen Handeln
erhellen kann." Der Mensch ist nämlich nicht „dazu bestimmt, einzelne sittliche
Handlungen zu verrichten, sondern ein sittliches Wesen zu sein. Nicht Tugenden,

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