Schillers ethischer Idealismus.
197
sondern die Tugend ist seine Vorschrift, und Tugend ist nichts anderes
als eine Neigung zu der Pflicht." Der Mensch „soll seiner Vernunft
mit Freuden gehorchen." Denn solange er seine Pflicht widerwillig tut, der
sittliche Geist also noch Gewalt anzuwenden hat, so lange hat der Naturtrieb
ihm noch Macht entgegenzusetzen, und der bloß niedergeworfene Feind
kann wiederaufstehen, nur der versöhnte ist wahrhaft überwunden. Erst dann,
wenn sie aus seiner gesamten Menschheit als die vereinigte Wirkung beider Prin
zipien, des göttlichen Teils und des sinnlichen im Menschen, hervorquillt, „wenn
sie ihm zur Natur geworden ist, ist seine sittliche Denkart geborgen."
Die Übereinstimmung beider Prinzipien gibt erst das Siegel der vollendeten
Menschheit und stellt das dar, was man unter einer schönen Seele versteht.
Bei dieser sind nicht die einzelnen Handlungen sittlich, sondern der ganze Charakter
ist es. „Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt aus ihr handelte,
übt sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus, und das heldenmütigste Opfer,
das sie dem Naturtriebe abgewinnt, fällt wie eine freiwillige Wirkung eben dieses
Triebes, in die Augen." Der Ausdruck einer schönen Seele ist die Anmut.
Daher ist bei ihr weder von Verdienst je die Rede, noch von Reflexion auf die
eigne Tugendhaftigkeit; „die schöne Seele weiß selbst niemals um die Schönheit
ihres Handelns, und es fällt ihr nicht mehr ein, daß man anders handeln und
empfinden könnte."
Was sagt nun Kant zu dieser Korrektur seiner Lehre? Er nahm sie
freundlich auf, er billigte sie! Wahrhaft große Geister verstehen sich leicht. Im
Grundgedanken, nicht das Glück sondern die Achtung vor dem Sittengesetz
zum maßgebenden Motiv der Sittlichkeit zu machen, waren sie ja einig; Schiller
denkt, wie er selbst bekennt, in diesem „Hauptpunkt der Sittenlehre vollkommen
kantisch." Kant seinerseits hält daran fest, daß er „dem Pflichtbegriff, grade
um seiner Würde willen, keine Anmut beigesellen kann; denn er enthält un
bedingte Nötigung, womit Anmut in geradem Widerspruch steht. Die Majestät
des Gesetzes (gleich dem auf Sinai) flößt Ehrfurcht ein (nicht Scheu, welche
zurückstößt, auch nicht Reiz, der zur Vertraulichkeit einladet), welche Achtung des
Untergebenen gegen seinen Gebieter, in diesem Falle aber, da dieser in uns selbst
liegt, ein Gefühl des Erhabenen unsrer eignen Bestimmung erweckt, was uns
mehr hinreißi, als alles Schöne." Aber der Pflichtbegriff ist noch nicht Tugend;
das herrliche Bild der Menschheit in dieser ihrer vollendeten Gestalt auf
gestellt, „verstattet gar wohl die Begleitung der Grazien," die, solange „noch
von Pflicht allein die Rede ist, sich in ehrerbietiger Entfernung hallen." „Das
Temperament der Tugend ist mutig, mithin fröhlich, eine sklavische Gemüts-
stimmung ist nie ohne einen verborgenen Haß gegen das Gesetz, während das
fröhliche Herz in Befolgung seiner Pflicht ein Zeichen der Echtheit tugendhafter
Gesinnung ist."

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.