Schillers ethischer Idealismus.
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lismus, der dem ihm zujubelnden Dichter geradezu eine Welt höherer Wirklichkeit
eröffnet.
Über diesem kühnen Fluge ins Übersinnliche, ins Reich des Idealen, verliert
deswegen der Dichter durchaus noch nicht den Blick für das Diesseitige, für die
Welt der niederen Wirklichkeit. Er kennt das Furchtbare in den unfaßbaren
und verderblichen Naturgewalten und den das Menschenglück zertretenden Schicksals
mächten sehr wohl, hat es schärfer gesehen wie die, die sich mit Ablehnung des
„schwärmerischen, verstiegenen Idealismus" Realisten zu sein rühmen. Gerade als
Idealist sieht und empfindet er die Risse und Brüche, die harten Widerstände
und schweren Diffonanzen des Daseins um so schärfer, denn die peinlichsten Nöte
wurzeln ja eben in dem Widerspruch von Ideal und Wirklichkeit, von dem Sein-
Sollenden und dem Seienden. Der Mensch ist in diese unvermeidliche Dissonanz
eben als Mensch hineingestellt; „zwischen Sinnenglück und Seelen
frieden bleibt dem Menschen nur die bange Wahl." Und vor dem
Verdacht, Schiller möchte in optimistischer Beurteilung der Menschennatur das
Böse weniger ernst gewürdigt haben als Kant, müßte ihn schon der Schluß der
Braut von Messina schützen: Der Übel größtes aber ist die Schuld.
Die Härten und Dissonanzen des Lebens sind bei Schiller so wenig ver
wischt und verschleiert, daß er sie vielmehr mit Vorlieb'e aufsucht und sie zum
Ausgangspunkt seines sittlichen Idealismus macht. Der Mensch,
proklamiert er, ist das Wesen, welches will. Wodurch aber wird er fähig, seinen
Willen zu behaupten gegenüber dem Zwang der Naturgewalten und des Geschickes
Mächten, mit denen bekanntlich „kein ewger Bund zu flechten" ist? Darüber
äußert er sich in der Abhandlung „Über das Erhabene," folgendermaßen:
Als Naturmensch ist der Mensch Sklave der physischen Notwendigkeit; die un
faßbare Natur konnte ihn da nur an die Schranken seiner Vorstellungskraft
und die verderbende Natur nur an seine physische Ohnmacht erinnern. Die
erste macht ihn kleinmütig, und von der zweiten wendet er sich mit Entsetzen ab.
Sobald aber die Empfindungsfähigkeit für das Große und Erhabene aus der
Vernunft entwickelt wird, lernt er das relativ Große außer ihm als den Spiegel
anwenden, worin er das absolut Große in ihm selbst erblickt. „Der Anblick
unbegrenzter Fernen und unabsehbarer Höhen, der weite Ozean zu seinen Füßen
und der größere Ozean über ihm entreißen seinen Geist der engen Sphäre des
Wirklichen und der drückenden Gefangenschaft des wirklichen Lebens. Ein größerer
Maßstab der Schätzung wird ihm von der simplen Majestät der Natur vor
gehalten, und von ihren großen Gestalten umgeben, erträgt er das Kleine in
seiner Denkart nicht mehr." — Der Mensch bestaunt sodann den wunderbaren
Kampf zwischen Fruchtbarkeit und Zerstörung in Siziliens Fluren, weidet seine
Augen an Schottlands wilden Katarakten und Nebelgebirgen und freut sich an
diesem Wilden und Gefährlichen in der Natur mehr als etwa an dem so nütz

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