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I. Abteilung. Abhandlungen.
Ästhetische Bildung als Ersatz der religiös-sittlichen Bildung war vor einem
Jahrzehnt ein neues Losungswort auch für die Schule. — Aber eines! Wie
vielen ist es denn gestattet, die „schöne Seele im schönen Körper" durch alle
Hülfsmittel der Bildung zu kultivieren? Und je höher diese „Selbstvervoll
kommnung" steigt, desto differenzierter, wie man heutzutage sagt, desto raffinierter
müssen diese Bildungs- und Genußmittel werden, um in gleichem Maße immer
weiteren Kreisen unzugänglich und unverständlich zu werden. Wie ungeheuer
vieles in der sogenannten schönen Literatur, in der Musikwelt, in unsern Museen
und Kunstausstellungen, vor dem man verwundert steht und fragt: ja für wen
das alles, für wen dieser ungeheure Aufwand von Mitteln, von Gaben und
Arbeit, um etwas zu schaffen, bei dem vielleicht eine ganz kleine Zahl von
Kennern prickelnde Gefühle hat, das aber dem gebildeten Normalmenschen, ge
schweige dem einfachen Manne durchaus unverständlich bleibt? Man mag noch
so viel Glauben haben an den eigenen Idealismus, aber die Kunst als Lebens
gestalterin preisen, ästhetische Bildung als höchstes Prinzip fordern, heißt den
verfeinerten Genuß zum Lebensprinzip machen.
Nun, die olympischen Götter haben stets noch ihre Titanen gefunden, die
ihre genießende Ruhe störten. Die soziale Frage hat eine gähnende Kluft auf
getan und Feuer und Rauch emporsteigen lasten. Sie hat die Genießenden er
schreckt und durch den Schrecken manches Zugeständnis von ihnen erpreßt. Aber
nicht das allein! In ihrer gewaltigen Wucht, in ihrer Perspektive, die sie
unserm Volke zum guten oder zum bösen eröffnete, hat sie ohne Zweifel auch
alles, was an edler, selbstloser Gesinnung, was an Hoffnungsfreudigkeit, Be
geisterungsfähigkeil und Opfermut in unserm Volke vorhanden war, zu ver
stehender Erkenntnis und freudiger Tat hervorgerufen. Und immer lebendiger
ist die Erkenntnis unter uns geworden, daß die soziale Frage schlechterdings keine
bloße Brotfrage, sondern nicht zum wenigsten eine Bildungsfrage, eine sittliche
Frage ist. Auch der Angehörige des sogenannten vierten Standes will und kann
sich heute nicht mehr bloß als Arbeitsglied fühlen, er will als Mensch gelten,
er sucht — in seiner Lage ganz ähnlich dem Jüngling auf der Entwicklungsstufe
zwischen Kind und Mann — in Sturm und Drang sein Ich. In dieser Er
kenntnis dürfen wir uns nicht irre machen lassen trotz aller Verherrlichung der
materialistischen Geschichtsbetrachtung durch die Sozialdemokratie. Die Gesellschaft
hat eben allzulange die allseitige Erziehung des Volkes vernachlässigt und den un
berufensten Händen überlassen. Aber sie hat sich auf diese ihre Pflicht besonnen.
Nicht als ob nun alle diese reichen und schönen Bestrebungen, wie sie auf
dem weiten Gebiete der Volksbildung, nicht zum wenigsten auch gerade auf dem
Bereiche unseres Themas, rege geworden sind, als ob sie nur aus der Absicht
entsprängen, die natürlich aufs herbste verstimmen müßte, das Volk von seinen
wirtschaftlichen Tendenzen abzulenken und stille, gehorsame Untertanen zu schaffen!

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