200
I. Abteilung. Abhandlungen.
lichen regulären Wirtschaftsgarten Hollands. Denn die Nützlichkeit ist nicht das
Höchste für den Menschen, „er hat noch ein Bedürfnis mehr als zu leben und
sich wohl sein zu lasten und auch noch eine andre Bestimmung als die Erschei
nungen um ihn herum zu begreifen." — Ebenso entzündet sich das Gefühl
des Erhabenen an der Betrachtung der Geschichte. Wie der Mensch es
aufgeben muß, das gesetzlose Chaos von Erscheinungen in der Natur mit der
dürftigen Fackel des Verstandes zu durchdringen und unter eine Einheit der
Erkenntnis zu bringen, sie durch Naturgesetze wirklich zu erklären, so tritt uns
auch in der Geschichte das Verderbliche und Unbegreifliche überwältigend ent
gegen. Auch hier dürfen wir uns über die uns umlagernden Gefahren und
das böse Verhängnis keiner Täuschung hingeben, dürfen nicht in pragmatischer
Geschichtskonstruktion alle furchtbaren Menschheitsschicksale, die Vorgänge der
triumphierenden Ungerechtigkeit und der unterliegenden Unschuld erklären zu
können wähnen, nicht mit schlechtem verzärtelten Geschmack über das ernste An
gesicht der Notwendigkeit einen Schleier werfen und „eine Harmonie zwischen
dem Wohlsein und Wohlverhalten lügen, wovon sich in der wirklichen
Welt keine Spuren zeigen." Vielmehr müssen wir gerade wie bei der Natur,
so auch bei der Geschichte darauf resignieren, dies ergreifende Spiel der Erschei
nungen zu erklären und'gerade die Unbegreiflichkeit selbst in beiden zum
Standpunkt der Beurteilung machen. So werden wir bei der Naturbetrachtung
„aus der Welt der Erscheinung heraus in die Ideenwelt, aus dem Bedingten
ins Unbedingte getrieben;" so werden wir in der Geschichte bei solchen Szenen
wie dem hartnäckigen und vergeblichen Kamps des Mithridates/) von dem Unter
gang der Städte Syrakus und Karthago nicht verweilen können, „ohne dem
ernsten Gesetze der Notwendigkeit mit einem Schauer zu huldigen, unsren Be
gierden augenblicklich den Zügel anhalten und ergriffen von der ewigen Untreue
alles Sinnlichen nach dem Beharrlichen in unserm Busen greifen."
Also nicht die Täuschung über unsre Schranken, sondern gerade das klare
Bewußtsein unsrer Ohnmacht lehrt uns die Freiheit ergreifen, die uns „zu
Bürgern und Mitherrschern eines höheren Systems macht, wo es unendlich viel
ehrenvoller ist, den untersten Platz einzunehmen, wie in der physischen Ordnung
den Reigen anzuführen."
Nichts weniger als verschleiern will also Schiller unsere Schranken, unsere
Ohnmacht gegenüber dem Zwange unerbittlicher Notwendigkeiten in Natur und
Geschichte. Ebensowenig setzt er sich über die Kluft leicht hinweg, die den
empirischen Menschen in seinem sittlichen Mangel von dem Ideale trennt.
Der schuldbewußte Mensch schwebt in ewiger Furcht, dem Gesetzgeber in ihm
selbst, in der Sinnenwelt zu begegnen und erblickt in Allem, was groß und
schön und trefflich ist, seinen Feind.
i) Wir würden jetzt sagen: der Buren.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.