Schillers ethischer Idealismus.
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Wenn ihr in der Menschheit traurger Blöße
Steht vor der Gesetzes Größe,
Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht,
Da erblasse vor der Wahrheit Strahle
Eure Tugend, vor dem Ideale
Fliehe mutlos die beschämte Tat.
Kein Erschaffner hat dies Ziel erflogen,
Über diesen grauenvollen Schlund
Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
Und kein Anker findet Grund.
So klaffen „Ideal und Leben" auseinander. Läßt sich das Schuldbewußtsein
ernster, ergreifender beschreiben? In der sittlichen Vollendung, in dem Heiligen
findet Schiller die allein verehrungswürdige Majestät. „Die Majestät hält
uns ein Gesetz vor, das uns nötigt, in uns selbst zu schauen. Wir schlagen
die Augen vor dem gegenwärtigen Gott zu Boden, vergessen alles außer uns
und empfinden nichts als die schwere Bürde unsres Daseins."
Also aus der ganzen Linie begegnet der Mensch dem Zwange und der
Diffonanz. Er darf sich nicht eine Harmonie zwischen Wohlsein und Wohl
verhalten vorlügen, er darf nicht wähnen, „daß das buhlende Glück sich dem
Edeln vereinigen werde." Von allen Seiten sieht er sich beschränkt und eingeengt,
die ganze Sinnenwelt rückt ihm höhnend seine Unselbständigkeit und Abhängigkeit
vor. Wo bleibt da die Freiheit, wo bleibt da der Mensch, der nicht müssen muß,
das Wesen, welches will?
Gerade dieser Druck, dieser Zwiespalt, in den wir hineingestellt sind mit
unserm Erdendasein, die sind's, die uns über sie hinaustreiben. Das Sittliche,
das Ideal erhebt uns über das Sinnliche. Und die Natur war selbst so gütig,
durch eine sinnliche Empfindung, den Geschmack für das Reizvolle, Widersprechende,.
Erhabene uns über die Sinnenwelt erheben zu helfen. Das Bewußtsein
des Erhabenen schafft uns den Ausgang aus dem Sinnlichen.
Indem wir nämlich uns gerade von dem Unfaßbaren und Zerstörenden in der
Natur auf eigentümliche Weise mehr angezogen fühlen als von dem bloß Nütz
lichen, unsere eignen Werke durch die Wut der Elemente „bewundernd unter
gehen" sehen, indem wir bei der Betrachtung der ungeheuren Menschheitsschicksale,
z. B. dem Untergang des Burenstaates, „dem ernsten Gesetze der Notwendigkeit
mit eineni Schauer huldigen müssen," indem wir uns innerlich nicht vor einer
noch so furchtbaren grenzenlosen Macht, und wenn sie uns das Todesurteil
schreiben kann, sondern nur vor der Majestät des Heiligen — „auch noch in
künftigen Welten" — beugen, stehen wir mit alledem unter dem Eindruck
des Erhabenen und erfassen eben damit der Menschheit Würde. Diese
kann erst dort zur Geltung kommen, wo es durch den Widerspruch, durch Kampf
hindurchgeht. Das Sinnliche steht nun einmal auf jedem Punkte mit dem
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