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I. Abteilung. Abhandlungen.
Sittlichen in Widerstreit. So entzückend, so liebenswert der „schöne Charakter"
ist, der aus einer glücklichen Anlage heraus instinktiv das Gute übt, so kann er
doch erst durch den Gegensatz den Verdacht widerlegen, daß er nur sein eigenes
Glück im Gutestun suche, daß seine Güte mehr ästhetisch als ethisch begründet
sei und er mit aller seiner Vortrefflichkeit doch an der Sinnenwelt haften bleibe.
Findet er in der Ausübung der Gerechtigkeit, Woltätigkeit, Mäßigkeit, Treue
seine Wollust, so kann er die reine Sittlichkeit dieser Tugenden erst im Unglück
bewähren. Findet man den Unglücklichen „noch ganz als den nämlichen, hat
die Armut seine Woltätigkeitt, der Undank seine Dienstfertigkeit, der Schmerz
seine Gleichmütigkeit, eigenes Unglück seine Teilnehmung an fremdem Glücke nicht
vermindert, bemerkt man die Verwandlung seiner Umstände in seiner Gestalt,
aber nicht in seinem Betragen, in der Materie, aber nicht in der Form
seines Handelns — dann freilich reicht man mit keiner Erklärung aus dem
Naturbegriff mehr aus. Dann muß man den Grund solches Betragens
„aus der physischen Weltordnung heraus in eine ganz andere verlegen,
welche die Vernunft zwar mit ihren Ideen erfliegen, der Verstand aber mit seinen
Begriffen nicht erfassen kann. Diese Entdeckung des absolut moralischen Ver
mögens, welches an keine Naturbedingung gebunden ist, gibt dem wehmütigen
Gefühl, wovon wir beim Anblick eines solchen Menschen ergriffen werden, den
ganz eigenen, unaussprechlichen Reiz, den keine Lust der Sinne, wie veredelt sie
auch seien, dem Erhabenen streitig machen kann."
So hält der schönheitsdurstige Künstler aufs strengste an der von Kant vor
gezeichneten Richtlinie fest, daß in der ganzen Welt nichts wirklich gut genannt
werden kann als allein ein guter Wille, und läßt sich diese Linie durch keine
Einreden seines Harmonie- und Schönheitsideals verrücken. Vielmehr soll das
ästhetische Empfinden gerade an dem Reiz des Widerstreits von Wohlsein und
Wohlverhalten sich nähren und so zu dem Gefühl des Erhabenen ver
tiefen. Auf diese Weise bleiben die Grenzen von Ästhetik und Ethik unverworren,
aber das ästhetische Gefühl wird zu einem Hebel für die Anregung des ethischen
Bewußtseins. So wird, richtig verstanden, auch das zu unserer vollen Natur
untrennbar gehörende Schönheitsbedürfnis nicht zu kurz kommen. Sie gehören
zusammen, die beiden „Genien", die uns die Natur zur Begleiterin durchs Leben
gab, das Gefühl des Schönen und das des Erhabenen. Beide sollen das
Freiheitsbewußtsein entwickeln. Schönheit ist „Freiheit in der Erschei
nung," es gilt in der sittlichen Welt nicht minder wie in der natürlichen:
„Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen Triebe mit dem
Gesetz der Vernunft harmonieren, aber diese Freiheit erhebt uns noch nicht über
die Macht der Natur, sondern wir genießen sie innerhalb der Natur. Dagegen
fühlen wir uns frei beim Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetz
gebung der Vernunft keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob

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