Schillers ethischer Idealismus.
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er unter keinen anderen als seinen eignen Gesetzen stünde." Im Gefühl des
Schönen kommt die Befriedigung an der Harmonie zum Ausdruck, im Gefühl
des Erhabenen die Befriedigung an dem Widerspruch. Denn wir können
begeistert werden von dem Furchtbaren, einem furchtbaren Naturereignis, einem
furchtbaren Verhängnis in der Geschichte, ein Wohlgefühl, mit dem das Furcht
gefühl und der Schauder sehr wohl verbunden sein mögen. Eben „diese Ver
bindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl beweist
unsre moralische Selbständigkeit auf eine unwiderlegliche Weise," sie beweist,
daß „zwei entgegengesetzte Naturen in uns vereinigt sein müssen." „Wir erfahren
also durch das Gefühl des Erhabenen, daß sich der Zustand unsres Geistes
nicht notwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, daß die
Gesetze der Natur nicht notwendig auch die unsrigen sind, daß wir ein selb
ständiges Prinzipuum in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen
unabhängig ist." Durch das sinnliche Mittel des Gefühls wollte die Natur uns
also lehren, daß wir mehr als bloß sinnlich sind, durch Empfindungen wollte
sie „uns der Entdeckung auf die Spur führen, daß wir der Gewalt der Empfin
dungen nichts weniger als sklavisch unterworfen sind." Beim Gefühl des Er
habenen werden „der physische und moralische Mensch aufs schärfste voneinander
geschieden, denn gerade bei solchen Gegenständen, wo der erste nur seine Schranke
empfindet, macht der andre die Erfahrung seiner Kraft und wird durch eben
das unendlich erhoben, was den andern zu Boden drückt." Genug, in jedem
Menschen ist zwar das Schönheits- und Harmoniebedürfnis, aber auch der Zwie
spalt von vornherein angelegt, denn er verbindet in sich zwei entgegengesetzte
Naturen. „Jeder individuelle Mensch trägt der Anlage und Bestimmung nach
einen idealischen Menschen in sich" und es ist nicht der Ausgangspunkt, sondern
„die große Aufgabe seines Daseins, mit der unveränderlichen Einheit" dieses
Ideals in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen. — Jene Anmut, die
Schiller als Ausdruck der schönen Seele hinstellt, jene Leichtigkeit des Ausübens
der peinlichsten Pflichten, überhaupt die dem Kantschen harten Rigorismus gegen
übergestellte Tugend als „Neigung zur Pflicht" ist nichts im Menschen ursprünglich
und real Vorhandenes, sondern das alles ist eben das Ideal, das am Ende der
Entwicklung steht, das im Kampf des Sittlichen mit dem Sinnlichen allmählich
verwirklicht werden soll. Gerade da, wo er seinem Meister Kant dies sittliche
Schönheitsideal entgegenhält, spricht er ja gleichfalls ausdrücklich vom Kampf; nur
will er nicht, wie Kant, daß der Feind mit Gewalt bloß niedergeschlagen, sondern
innerlich überwunden und „versöhnt" wird. Daß dies Ziel nicht leicht „erflogen"
werden kann, ist auch ihm völlig deutlich: „Es ist dem Menschen zwar auf
gegeben, eine innige Übereinstimmung zwischen seinen beiden Naturen zu stiften,
immer ein harmonierendes Ganze zu sein und mit seiner vollstimmigen ganzen
Menschheit zu handeln. Aber diese Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner
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