204
I. Abteilung. Abhandlungen.
Humanität, ist bloß eine Idee, welcher gerecht zu werden, er mit anhaltender
Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann."
Es gilt also eine unablässige Übung seiner sittlichen Kraft, seines Willens.
Und es ist kein geringer Schritt zur moralischen Freiheit des Willens, durch
Brechung der Naturnotwendigkeit in sich, auch in gleichgültigen Dingen, den
bloßen Willen zu üben. Denn „schon der bloße Wille erhebt den Menschen
über die Tierheit, der moralische erhebt ihn zur Gottheit." Sache der Er
ziehung ist es nun, die sittliche Würde im Menschen durch die Unterordnung
des Sinnlichen unter das Sittliche zu entwickeln und zwar so, daß schließlich die
Anmut zur Begleiterin der Würde wird. Oder anders ausgedrückt, in der
vollendeten Menschheit soll das Schöne und das Erhabene sich miteinander paaren:
„Das Erhabene verschafft uns einen Ausgang aus der sinn
lichen Welt, worin uns das Schöne gern immer gefangen halten
möchte." „Ohne das Erhabene würde uns die Schönheit unsre höhere Würde
vergessen machen. In der Erschlaffung eines ununterbrochenen Genusses würden
wir die Rüstigkeit des Charakters einbüßen und an diese gefällige Form des
Daseins unauflösbar gefesselt, unsre unveränderliche Bestimmung und unser
wahres Vaterland aus den Augen verlieren." Also gehört das Erhabene
zum Schönen, wie auch umgekehrt wahres Menschentum nicht ohne Schönheit
vorzustellen ist. „Nur wenn das Erhabene mit dem Schönen sich paart, und
unsre Empfänglichkeit für beides im gleichen Maße ausgebildet worden ist, sind
wir vollendete Bürger der Natur, ohne deswegen ihre Sklaven zu sein und ohne
unser Bürgerrecht in der intelligibeln Welt zu verscherzen."
Das war die Humanität, die Schiller predigte; eine Humanität, die nie
und nirgends als fertiger Besitz oder glückliche Anlage vorhanden ist, sondern
im heißen Lebenskampf erworben werden soll. Zum reinen vollen Menschentum
gehört gewiß auch die gesunde Sinnlichkeit, das Natürliche, das war für einen
künstlerisch empfindenden Denker selbstverständlich; aber nur dann kommt diese
Sinnlichkeit zu ihrer reinen Ausbildung und ihrem vollen Rechte, wenn sie durch
das Übersinnliche im Menschen erhoben und veredelt wird. Die Menschheit
wird nur dadurch dem Ziele der Humanität entgegengeführt, daß ihr immer ein-
drücklicher wird, wie sie als Bürgerin zweier Welten ihre Gaben und Aufgaben
hat, und erst dann ist der Mensch vollendet, wenn das Göttliche in ihm vom
Irdischen sich losringt, wenn er — nach dem Gleichnis von Herakles Lebens
kampf — in ewigem Gefechte des Lebens schwere Bahn ging, mit Hydern rang
und alle Plagen, alle Erdenlasten sich auf die willigen Schultern wälzen ließ,
bis sein Lauf geendigt ist —
Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
Flammend sich vom Menschen scheidet,
Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.