Schillers ethischer Idealismus.
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zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist." „Gib also der Welt, auf die du
wirkst, die Richtung zum Guten, so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die
Entwicklung bringen"; — (vgl. zum genaueren Verständnis dieses Gedankens den
ganzen erhebenden Schluß der Briefe über ästhetische Erziehung, dessen Wortlaut
hier mitzuteilen der Raum mangelt).
5. Wir müssen die Erörterung dieser tiefgehenden Probleme hier abbrechen
und schließen.
Goethe sagte einmal, in Schiller sei etwas Christusähnliches gewesen.
Daß Schiller positives Christentum nicht kennt und bekennt, steht fest; daran
kann all unser Bedauern nichts ändern. Man muß vielmehr sagen, daß er von
allen unsren Klassikern dem christlichen Bekenntnis am fernsten gestanden. Er
machte auch nicht, wie wir es bei Kant im vorigen Heft sahen, den leisesten
Versuch, sich der Kirchenlehre zu akkommodieren oder die biblischen Wahrheiten nach
seiner Erkenntnis umzudeuten, in sich aufzunehmen. Und doch ist keiner der
Geistesheroen jener klassischen Kulturepoche innerlich von dem Geiste des Christen
tums so tief berührt wie Schiller. Was bei Goethe hierin lebendige Anempfindung
war, ist bei Schiller im heißen Lebenskampf erarbeitete Überzeugung. Ist Christi
Lebensarbeit, in Fortführung der Sendung der Propheten, wesentlich auch auf
die Verinnerlichung der Frömmigkeit, auf die Befreiung des gottsuchenden Menschen
von dem falschen Vertrauen auf alle sinnlichen Stützen der Religion und auf die
äußeren dinglichen Gottesdienstformen, auf die Anbetung Gottes im Geist und
in der Wahrheit gerichtet, so gehört auch Schiller zu seinen rechten Jüngern und
Fortführern seines Werkes, auch wenn er sich selbst dessen nicht bewußt war.
Auch er lehrt mit großem Ernst die Menschen das vergängliche Sinnenglück
verschmähen, das Sinnliche dem Sittlichen unterordnen, alles Heil nicht in den
Verhältnissen, nicht in äußeren Verrichtungen, sondern im eignen Herzen zu suchen,
und Gott nicht in Spekulationen, nicht in frommen Gefühlen, sondern im Willen
zu ergreifen — „nehmt die Gottheit auf in euren Willen, und sie steigt herab
von ihrem Weltenthron". Das Gute, das Schöne, das Wahre — „es ist nicht
draußen, da sucht es der Tor, es ist in dir, du bringst es ewig hervor," gemäß
dem Worte Jesu: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Gebärden, siehe,
es ist inwendig in euch." Und wenn Schiller vollends von den beiden ent
gegengesetzten Naturen in uns und von dem Ausgang aus der sinnlichen Welt,
von unserem wahren Vaterland, das wir nicht aus den Augen verlieren sollen,
von unserem Bürgerrecht in der intelligiblen Welt spricht; wenn es bei ihm heißt:
„Nicht dem Guten gehört die Erde. Er ist ein Fremdling, er wandert aus und
suchet ein unvergänglich Haus" — nun, da ist es schwer, die entsprechenden
spezifisch christlichen Vorstellungen aus den Gedanken fernzuhalten. War Schiller
nicht Christ, so war ganz gewiß etwas Christusähnliches in ihm.
Sollte es nicht Gottes Vorsehung sein, einem Geschlecht, das die Bibel nicht

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